Folge 52: Unterleuten

Hier wird über die aktuelle Folge diskutiert. Und über alle anderen natürlich auch.
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falko
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Folge 52: Unterleuten

Beitrag von falko » Mo 7. Sep 2020, 17:52

Unterleuten ist kein Zustand, sondern ein fiktives Dorf in Brandenburg, eine Autostunde von Berlin entfernt. Etwa zweihundert Menschen leben dort. Manche Familien schon seit Generationen, manche sind dem Trubel der Großstadt entflohen. Die alten und neuen Konflikte in Unterleuten kochen hoch, als ein Energieunternehmen einen Windpark in der Nähe errichten möchte. Davon würden einige Bewohner und nicht zuletzt die Gemeindekasse profitieren, doch Widerstand regt sich und droht schnell zu eskalieren.

Juli Zeh bezeichnet ihr Buch selbst als „Gesellschaftsroman“. Kann er Dorfkind Falko und Metropolenbewohner Jochen gleichermaßen überzeugen?

Folge 52: Unterleuten
"I must say I find television very educational. The minute somebody turns it on, I go to the library and read a good book." - Groucho Marx

Shenmi
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Re: Folge 52: Unterleuten

Beitrag von Shenmi » Do 10. Sep 2020, 21:53

Danke lieber Falco, "Unterleuten" ist bisher unsere Überraschung des Jahres.
Das Buch hat mir in so vielen Aspekten gefallen, dass ich sie hier gar nicht alle aufzählen kann.
Sprachlich wunderbar gelungen, ich habe mir so viel markiert und auch aus dem Text so viel mitgenommen, worüber ich nachdenken kann.
Mit viel Feingefühl und tollem Sprachbildern, hat Julie Zeh mir auch klar gemacht, was die Wende und Wiedervereinigung für manche Menschen bedeutet haben, wie groß die Verluste waren. Auch bei den sogenannten Wende Gewinnern.
Es sind die vielen kleinen Geschichten, die das Ganze so glaubwürdig und anrührend machen. Wenn der Mann entdeckt das die Frau bei der Stasi war, die Loyalitäten wechseln, die Systeme, der Tod kommt, die Kinder oder eben die Einsamkeit.
Es war mal wieder sehr erfrischend,eben nicht die Welt zu retten oder große Helden zu begleiten, sondern einfach nur das normale Leben, Lieben, Leiden zu betrachten. Ganz toll!

Besonders hat mir das sehr Deutsche gefallen, dass aus jeder Pore tropft, selbst wenn es persifliert wird. Aber das sei mal dahingestellt.
Ich versuche ja seit meiner Kindheit zu ergründen was es ausmacht, dieses "Deutschsein" und ob ich es auch habe.
Unter diesem Aspekt hatte ich so viel Spaß an dem Buch, ich konnte es gar nicht weglegen.

Das die Figuren sooo überzeichnet sind, fand ich jetzt nicht mal, denn ich habe diverse Charaktere wiedererkannt.
Nehmen wir mal Gerhardt Fließ, bei dem ich sofort meine Frau gefragt habe, an wen der sie erinnert. Und sie wusste sofort wen ich meine.
Wir kennen nämlich so ein Ehepaar :
Sehr grün, total links, hassen die AfD und alles rechts der SPD. Klimaschutz ist Ehrensache, Energiewende toll und Flüchtlinge finden sie natürlich auch super.
Aber doch bitte nicht so nah, denn die beiden kleinen Töchter gehen selbstverständlich auf eine Privatschule, weil in den staatlichen Schulen der Ausländer Anteil so hoch ist!
Die Mädchen lernen Mandarin und zur Festigung des Gelernten laden sie die beiden einmal pro Woche für zwei Stunden bei uns ab, damit ich mit ihnen spielerisch üben kann.
Mir kommt es dabei immer so vor als ob ich die "Migranten Bekannte" bin, von der sie ihren Freunden bei der Weinprobe erzählen und mit der sie sich schmücken.
Gleichzeitig decken wir auch noch LBGT ab, eine Quotenlesbe gehört einfach zum guten Ton.
Dann geben sie uns immer ganz gönnerhaft ein bisschen Geld, weil jeder Migrant doch irgendwie zum Retten taugt!
Und wie die Lesben die sie sich immer so vorstellen, sehen wir auch nicht aus...Verkehrte Welt!
Oder wie Julie Zeh es ausdrückt:
Kathrin konnte sich vorstellen, wie er später im Kreis seiner Freunde, die vor lauter Individualität alle genauso aussahen wie er, die Anekdote mit den verrückten Dörflern vor dem märkischen Landmann zum Besten geben würde.
Dieses Ehepaar denkt und redet unglaublich links/grün, lebt aber eher nach CDU/CSU Manier, mit leichtem AfD Einschlag. Wir merken es auch immer wenn sie sich freuen, wie frei wir doch sind! Herrlich, wenn man dann einen Roman liest, in dem man solche Menschen wiedererkennt und das war ja jetzt auch nur ein Beispiel.
Mir hat es so gut gefallen, wie Julie Zeh diese Gemeinschaft seziert, verschiedene Schicksale beleuchtet, die Konflikte nachvollziehbar und erlebbar macht, sodass man auch einen Kron versteht, die Motive des Investors nachvollziehen kann und eigentlich von jedem den man im Roman antrifft.
Ich glaube, die Menschen vergessen manchmal, dass der andere auch nur ein Mensch ist und genau daran versuche ich mich jetzt immer wieder zu erinnern! Das habe ich daraus mitgenommen.

Morgen höre ich mir dann euren Podcast an und bin schon sehr gespannt darauf, was ihr davon haltet.

tdiver
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Re: Folge 52: Unterleuten

Beitrag von tdiver » Fr 11. Sep 2020, 14:20

Ich hatte Unterleuten vor 3 Jahren gelesen und war auch sehr angetan. Die Vielfältigkeit der Figuren war erstaunlich.
An der ZDF-Verfilmung hat mir auch besonders gefallen, dass sie das "Gemächliche" des Buches übernommen hat. Da hat man sich Zeit gelassen und nicht mit hektisch geschnittenen Bildern den Plot vorangetrieben. Besonders die Verkörperung vom Cron war Klasse. (Wobei der Schauspieler eine ähnliche Rolle auch bei DARK toll ausgefüllt hat)

Nur mit dem Ende des Buches bin ich absolut unzufrieden. Dort wurde plötzlich durch die Seiten gehetzt und zum Teil eine Auflösung betrieben, die nicht nötig ist.

Shenmi
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Re: Folge 52: Unterleuten

Beitrag von Shenmi » Mo 14. Sep 2020, 12:56

Nachdem ich den Podcast jetzt gehört habe und mit meiner Frau - die das Buch inzwischen auch gelesen hat - diskutiert habe, kamen wir ebenfalls zu dem Schluss, dass die Figuren aus einiger Distanz betrachtet wurden.
Ich mochte das aber sehr gerne, weil mir in diesem Fall die gesellschaftlichen Zusammenhänge, menschliches Agieren, Beziehungsgeflechte etc. wichtiger sind, als emotionale Nähe zu den Figuren.
Meine Frau hatte dazu den klugen Gedanken, dass Julie Zeh dies so machen musste.
Sonst hätte sie nämlich irgendwann Position beziehen müssen, aber für wen? Das würde dann sicherlich die Gefahr bergen, belehrend zu sein, moralischer Zeigefinger und das hätte ich sehr schade gefunden. In diesem Fall ziehe ich eine nüchterne Betrachtung vor.
Die Figuren psychanalysieren sich ja schon selbst genug und am laufenden Bande.Das fand ich bei Linda Franzen noch recht plausibel, denn solche Ratgeber Leute gibt es ja. Nach Gortz habe ich natürlich auch gegoogelt, denn der nihilistische Zynismus ging schon ins Misanthropische dass musste ich einfach feiern.
Bei Jule Fließ fand ich es dagegen sehr aufgesetzt, denn das jemand eine (unglückliche) lesbische Phase konstruierten möchte, um dann eine Identitätskrise zu beklagen, mochte ich eher weniger.
Übrigens fanden wir am Ende beide den Schaller am besten, während uns der Fließ ja sowieso ein Dorn im Auge war. Das hatte am Ende ein wenig von Falling Down und "Hüte Dich vor dem Zorn des sanften Mannes".
Wenn der zum "Mover" wird, sieht er richtig rot, weit über jedes Maß hinaus. :D

Der Vergleich mit "Kleine Stadt der großen Träume" drängt sich sicher auf. Ich mag beide, jeden auf seine Art und bin bei beiden froh, sie gelesen zu haben.

Ironic Maiden
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Re: Folge 52: Unterleuten

Beitrag von Ironic Maiden » Di 15. Sep 2020, 17:21

Shenmi hat geschrieben:
Mo 14. Sep 2020, 12:56

Ich mochte das aber sehr gerne, weil mir in diesem Fall die gesellschaftlichen Zusammenhänge, menschliches Agieren, Beziehungsgeflechte etc. wichtiger sind, als emotionale Nähe zu den Figuren.
Meine Frau hatte dazu den klugen Gedanken, dass Julie Zeh dies so machen musste.
Sonst hätte sie nämlich irgendwann Position beziehen müssen, aber für wen? Das würde dann sicherlich die Gefahr bergen, belehrend zu sein, moralischer Zeigefinger und das hätte ich sehr schade gefunden. In diesem Fall ziehe ich eine nüchterne Betrachtung vor.
Mir gefiel die emotionale Distanz zu den Figuren ebenfalls gut und ich bin froh, dass Zeh diesen Roman so geschrieben hat. In dem Zusammenhang passt es auch, denke ich, dass der Stein des Anstoßes der Bau einer Windkraftanlage ist, also etwas, das durchaus positiven Zielen wie Umweltschutz und Nachhaltigkeit dienen würde, aber gleichzeitig ja auch oft eher als Kapitalanlage und Projekt für irgendwelche Förderungen aufgezogen wird. Wäre es um den Bau irgendeiner Fabrik gegangen, hätte das ganze längst nicht so gut funktioniert, da man dann als Leser*in schneller eine Position bezogen hätte.
Ich finde es normalerweise gut, wenn Autor*innen einen klaren Standpunkt haben und verfolgen (und den hat Zeh anscheinend ansonsten durchaus), aber hier fand ich diese "Neutralität" (nicht im Sinne davon, dass doch irgendwie alle gute Menschen wären, sondern in dem Sinne, dass alle eine aus ihrer Sicht nachvollziehbare Position haben) sehr angenehm.

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