Folge 55: Spuk in Hill House

Hier wird über die aktuelle Folge diskutiert. Und über alle anderen natürlich auch.
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falko
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Folge 55: Spuk in Hill House

Beitrag von falko » Mo 19. Okt 2020, 17:23

“Schauerroman”. Das klingt so alt, so piefig, so langweilig. Und dann geht es auch noch um Spukhaus! Wie soll man damit die Leute hinterm Ofen vorlocken, so ganz ohne Zombies, Meteoriten oder Riesenroboter! Dass es möglich beweist dieses Buch, das über 60 Jahre alt ist und ein Klassiker der … nun, nicht direkt der modernen Horrorliteratur, aber ein Titel ist, der das, was wir heutzutage darunter verstehen, geprägt hat.

“Spuk in Hill House” (im Original mehrdeutig “The Haunting of Hill House”) dürfte vielen Leuten durch die kürzliche Netflix-Verfilmung aufgefallen sein. Diese fängt kongenial die Atmosphäre der Vorlage ein, entfernt sich vom Inhalt von Shirley Jacksons Buch dann weit. Das macht aber nichts. Das Buch spricht für sich. Auch heute noch, und auch, wenn der Schrecken unsichtbar bleibt.

Viel Spaß mit der neuen Folge!

Folge 55: Spuk in Hill House
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Oliver Naujoks
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Re: Folge 55: Spuk in Hill House

Beitrag von Oliver Naujoks » Di 20. Okt 2020, 07:05

Die Folge musste ich gleich gestern Abend noch hören, weil Buch und Film für mich sehr wichtig sind.

Mit Freude durfte ich hören, dass Ihr ebenfalls das Buch begeistert gelesen habt. Zu Euren Beobachtungen, Schlussfolgerungen und Analysen kann ich nicht viel sagen, das war alles ziemlich umfassend und IMHO auch gelungen. Auch für mich sind die ersten Zeilen des Romans übrigens mit das beste, was ich je dahingehend gelesen habe. Wenn Ihr Shirley Jackson weiter verfolgen wollt, dürft Ihr Euch freuen: Gerade "We have always lived in the Castle" ist ähnlich stark wie Hill House, wenn mich meine Erinnerung nicht trügt. Und hat auch ganz, ganz tolle opening lines.

Als Ihr dann aber auf die mediale Wirkungsgeschichte des Romans übergegangen seid, habt Ihr mich erstmals in der Geschichte Eures Podcasts richtiggehend entsetzt und enttäuscht. Praktisch kein EINZIGES Wort über die beiden Kinoverfilmungen des Romans?! Gar nichts? Und stattdessen viel Raum für eine randständige Netflix-Serie, die sich gerade mal Titel und ein paar Figuren des Buches ausleiht und mehr nicht?
Dabei sind die beiden Kinoverfilmungen als Gegenpole höchst interessant. "The Haunting/Bis das Blut gefriert" von Robert Wise aus dem Jahr 1963 gilt als ein Höhepunkt des Schauerfilms (auf meiner persönlich-subjektiven Liste der besten Horror-Filme aller Zeiten rangiert er sogar unangefochten auf Platz 1) und die Neuverfilmung von Jan de Bont aus dem Jahr 1999 als besonders schlechtes Beispiel eines Remakes, das jegliche Atmosphäre in CGI-Sauce erstickt. Kein einziges Wort, dazu, echt? Ihr seid doch eigentlich beide zu alt und zu erfahren um dieser wirklich hässlichen Krankheit namens Recency Bias anheim zu fallen, diesmal hat die Euch aber wohl voll erwischt. Bitte merken: Zere is a wörld outside of Netflix! Eine gerechte Strafe hinsichtlich der beiden Kinofilme sollte es da schon geben und diese lautet: NACHSITZEN!
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Thorsby
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Re: Folge 55: Spuk in Hill House

Beitrag von Thorsby » Di 20. Okt 2020, 09:27

Vielen Dank für diese Podcast-Folge. Zwar habe ich das Buch noch (!) nicht gelesen, kenne aber beide Verfilmungen. Und da schließe ich mich Oliver an, die Verfilmung aus 1963 ist auch für mich einer der besten "Spukfilme", die ich kenne und läßt sich mir auch heute noch die Kopfhaut zusammenziehen. ;)

Von daher kann ich die Kritik von Oliver nachvollziehen, wenngleich nicht sie vielleicht mit solcher Vehemenz geäußert hätte ;). Zumindest der erste der beiden Filme hätte durchaus Erwähnung verdient.

Die Netflix-Serie hat mir trotz oft gemängelter Ferne vom Originalstoff sehr gefallen, ganz im Gegensatz zur aktuellen zweiten Staffel "Spuk in Bly Manor" - aber das ist eine andere Baustelle.

Ich werde die Buchvorlage auf jeden Fall zeitnah nachlesen.

Alles in allem eine sehr interessante Folge, die mal wieder voll meinen Geschmack trifft.
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Oliver Naujoks
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Re: Folge 55: Spuk in Hill House

Beitrag von Oliver Naujoks » Di 20. Okt 2020, 09:48

Thorsby hat geschrieben:
Di 20. Okt 2020, 09:27
Von daher kann ich die Kritik von Oliver nachvollziehen, wenngleich nicht sie vielleicht mit solcher Vehemenz geäußert hätte ;). Zumindest der erste der beiden Filme hätte durchaus Erwähnung verdient.
Ich bin halt Riesenfan des Films und war davon wirklich enttäuscht. Deshalb sei mir die Vehemenz nachgesehen. Man könnte ja in einer Bonusfolge...
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falko
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Re: Folge 55: Spuk in Hill House

Beitrag von falko » Di 20. Okt 2020, 12:12

Tja, es geht halt hier in erster Linie um die Bücher, und was soll ich sagen: ich bin Flanagan-Fanboi. :D MIR DOCH EGAL WAS VORHER WAR!

Aber ernsthaft: klar, wir hätten zumindest einen Satz darüber verlieren können. Aber ich bin mir ehrlich gesagt nicht mal sicher, ob ich den gesehen habe. Ich dachte ja auch, ich hätte das Buch schon gelesen und lag daneben ...

Ob wir vielleicht mehr zum Thema Verfilmungen machen ... vielleicht im Rahmen von Bonusfolgen ... das werde ich bald evaluieren, ob es Interesse gibt. :)
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Re: Folge 55: Spuk in Hill House

Beitrag von Oliver Naujoks » Di 20. Okt 2020, 13:23

falko hat geschrieben:
Di 20. Okt 2020, 12:12
Aber ernsthaft: klar, wir hätten zumindest einen Satz darüber verlieren können. Aber ich bin mir ehrlich gesagt nicht mal sicher, ob ich den gesehen habe. Ich dachte ja auch, ich hätte das Buch schon gelesen und lag daneben ...
Ich habe mich mal um das Problem gekümmert. Du siehst in den nächsten Tagen, was ich damit meine. ;)
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Re: Folge 55: Spuk in Hill House

Beitrag von falko » Di 20. Okt 2020, 13:30

Rechne jetzt mit nächtlichen Klopfgeräuschen und kalten Stellen im Haus (im Kühlschrank).
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Ironic Maiden
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Re: Folge 55: Spuk in Hill House

Beitrag von Ironic Maiden » Di 20. Okt 2020, 13:31

Vielen Dank für die Folge!

Ich muss jetzt eigentlich eine ganze Menge schreiben, mal sehen, wieviel ich in der verfügbaren Zeit schaffe. Meine Erinnerungen an das Buch sind etwas verschwommen, obwohl ich es erst vor knapp zwei Jahren gelesen habe, aber der Podcast hat mir viel wieder in Erinnerung gerufen.

!!!!!ACHTUNG SPOILER!!!!!!
Erstmal finde ich, dass die Interpretation des Endes nachvollziehbar ist, meine persönliche Auslegung ist etwas weiter gefasst:

Ich denke, dass das Zusammenspiel von Eleonor und Hill House letztendlich das Problem ist. Eleonor hat schon bevor sie dorthin kam Poltergeist-ähnliche Phänomene hervorgerufen, bzw. diese fanden in ihrer Umgebung statt. Ich habe das immer als Manifestation ihrer unterdrückten Wut und Aggression gesehen. Sie ist nicht in der Lage, ihre eigenen Bedürfnisse zu artikulieren, und wenn sie dies tut, schießt sie immer über das Ziel hinaus. Dass sich psychische Ausnahmesituationen extern manifestieren ist ja in vielen Spukgeschichten ein Motiv.
Und diese instabile Person kommt dann nach Hill House, einen "bösen Ort". Zwar ist Hill House gefährlich, aber vor allem für Menschen, die ohnehin anfällig sind. Und diese Kombination führt dann zur Tragödie. Es gibt Orte, die für manche Menschen gefährlicher sind als für andere und bei Eleanor ist es so, als würde man einen trockenen Alkoholiker in einer Schnapsbrennerei einschließen. Dazu passt auch, dass der Roman als durchgehendes Motiv auf schlechte bzw. dysfunktionale Beziehungen verweist. Theo und ihre Freundin, der Professor und seine Frau, usw.
Ich denke also schon, dass Hill House ein Spukhaus ist - man sieht das ja auch an der Spiegelung des Schicksals von Mrs Crane und Eleanor - aber erst dadurch, dass Eleanor da ist, eskalieren die Ereignisse.

!!!!! SPOILER ENDE !!!!!!

Ich mag Spukhausromane und ich finde vor allem die Idee des "bösen Ortes" faszinierend. Der Gedanke, dass es Plätze gibt, die von Natur aus für Menschen ungeeignet sind, ist für mich spannend. Das Spukhaus ist letztendlich nur eine Konkretisierung dieser Idee, aber wir haben diese ja in ganz vielen Ausprägungen im Horror. Bates Motel, der Tierfriedhof in "Friedhof der Kuscheltiere", bei Lovecraft gibt es ständig Verweise auf solche Plätze usw. Hill House steht da schon in dieser Tradition.
Was Hill House mMn von anderen Spukhäusern unterscheidet ist, dass es kein konkretes Gespenst gibt. In vielen anderen Spukhausgeschichten gibt es ja einen Geist, der umgeht, z.B. in "The Woman in Black". In der Hinsicht sehe ich den Roman auch als innovativ.

Ich würde Jochen allerdings massiv darin widersprechen, dass dies ein spezifisch amerikanisches Phänomen ist. Wir haben insbesondere in Großbritannien massenhaft Spukhäuser und entsprechende Geschichten dazu, und auch im deutschen Raum gibt es wahnsinnig viele Spukhausgeschichten. Das sind dann zwar meistens Volkssagen oder sie werden wie solche geschrieben, z.B. das Schloss in Kleists "Das Bettelweib von Locarno" oder die schwarze Mühle in "Krabat" und es geht um ein Verbrechen oder Unrecht, dass diesen Spuk ausgelöst hat, aber das ist bei den amerikanischen Spukhäusern genauso.

(Ich persönlich finde ja Geschichten, in denen der Spuk Einzug in ein Haus, dass schon bewohnt ist, besonders gruselig. Normalerweise ist man im literarisch-filmischen Kontext ja vor Geistern sicher, solange man nicht umzieht. Die Vorstellung, dass sich ein Spuk nachträglich äußert, ist für mich eine der unbehaglichsten, allerdings findet man sowas ja auch eher selten.)

Die Verfilmungen mag ich auf ihre Art beide, auch wenn man mir im Bezug auf die neuere von beiden durchaus Geschmacksverirrung vorwerfen kann. Für mich ist das einfach ein spaßig-dummer Horrorfilm aus den 90ern, als es noch Horrorfilme mit mehr Budget als gut für sie war gab. Er ist nicht gut, aber unterhaltsam. Die alte Verfilmung hat mich jahrelang verfolgt, weil passenderweise gerade am Ende der Strom ausfiel, als er ausnahmsweise mal im Fernsehen lief und ich lange gerätselt habe, ob das Ende so sein muss oder ob ich etwas verpasst habe. Dadurch habe ich über den Film wahrscheinlich mehr nachgedacht als über viele andere und ich sollte ihn vielleicht mal wieder schauen.

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Oliver Naujoks
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Re: Folge 55: Spuk in Hill House

Beitrag von Oliver Naujoks » Mi 21. Okt 2020, 06:57

@Ironic Maiden:
Ja, ich habe einige der unheimlichen Episoden auch immer als Externalisierungen von Elenors Wut und so gelesen. Dieses Motiv hat sich Stephen King ja angeeignet für Carrie und solche Phänomene als Repräsentation von Carries beginnender Entwicklung als Frau in einen Zusammenhang gestellt. Das hat er selbst eingeräumt, dass er sich da bei Frau Jackson bedient hat.

Was ich noch erwähnenswert finde: Ich fand es toll, wie ihre innere Stimme teilweise fast schreit ("Jetzt mögen sie mich!" und sowas), das gibt es in der ersten Verfilmung auch, wenn auch abgeschwächter.

Genau wie Du habe ich auch bei Jochens Ausführungen zu US-Spukhäusern gestutzt und mir ebenfalls gedacht, dass es sowas doch auch reichlich in England und Deutschland gibt. Seine Herleitung fand ich interessant, also diese mangelnde Geschichtlichkeit in den USA, was natürlich offensichtlich als Motiv in Europa nicht taugt. Die spannende Frage ist jetzt: Ist die US-Spukhaus Tradition eine eigene, individuelle Kulturgeschichte oder doch nur eine Ausprägung der europäischen Tradition?
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straksine65
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Re: Folge 55: Spuk in Hill House

Beitrag von straksine65 » Sa 24. Okt 2020, 16:03

Als ich heute die Folge gehört habe, war ich begeistert. Ich habe zuerst die Verfilmung aus den 60er Jahren gesehen (VPS- Aufnahme auf VHS, wobei er verspätet losging und mir dann allen Ernstes das Ende fehlte. Ich bin durchgedreht, weil man damals noch nicht so ohne weiteres an entsprechende Infos kam...)
Inzwischen habe ich die Liam Neeson- Version gesehen und das Buch sowohl auf Englisch wie auf Deutsch gelesen. Ich habe das Ganze auch als Hörbuch.
Kurz: *WedelnmitdemFanfähnchen*.
Das Schöne an eurem Podcast nun ist jedesmal, dass ich Ideen und Anregungen zum Nachdenken bekomme.

Hier Ideen Splitter:
Was den Comic-Relief bei Theodora und Eleonor angeht, die sich über die Haushälterin lustig machen, so habe ich das eher als Pfeifen im Walde verstanden.

Das Haus ist ein Lebewesen, das wird von Anfang an klargestellt. Ich habe immer wieder den Eindruck, dass Eleonor und das Haus identisch sind. Zumindest kommunizieren sie permanent miteinander.

Eleonor ist keineswegs das verängstigte, verhuschte Wesen, das sich von allen rumschuppsen lässt. Wenn man nüchtern betrachtet, was Sie tut, stellt man fest, dass sie ziemlich genau weiß, was sie will und es dann auch durchzieht. Bis zum bitteren Ende. Eine stählerne Faust in einem samtenen Handschuh.

In gewisser Weise ist das Buch eine Art Road Trip-Book, vielleicht auch Coming-of-Age, auf jeden Fall in einem verdammt pathologischen Sinn.
Careful, boy. I did get old for good reason...

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