Folge 27: Der Richter und sein Henker

Hier wird über die aktuelle Folge diskutiert. Und über alle anderen natürlich auch.
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falko
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Folge 27: Der Richter und sein Henker

Beitrag von falko » Mo 26. Aug 2019, 20:24

Moment! Nicht weglaufen! Ja, Friedrich Dürrenmatts Kriminalroman klingt verdächtig nach Deutschunterricht, aber würden wir hier ein Buch besprechen, mit dem wir unser verehrtes Publikum quälen wollen, oder schlimmer noch: langweilen? Nein, auch diesmal nähern wir uns rein mit Lesefreude diesem Buch, das Jochen und Falko beide in der Mittelstufe durchackern mussten.
Überhaupt der Deutschunterricht … wie war das damals? Wie könnte es besser sein? Sehen wir einen Dürrenmatt heute im ganz anderen Licht? Das und mehr in dieser Fast-Doppelstunde. Aufgepasst, denn das fließt alles in die mündliche Note ein!

Viel Spaß mit der neuen Folge!

Folge 27: Der Richter und sein Henker
"Getting older is no problem. You just have to live long enough." - Groucho Marx

A_Forest
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Re: Folge 27: Der Richter und sein Henker

Beitrag von A_Forest » Di 27. Aug 2019, 04:08

Wieder mal eine sehr unterhaltsame und interessante Episode! Vor allem, da Dürrenmatt ein von mir sehr geschätzter Autor ist.

In diesem Sinne möchte ich noch kurz mein Lieblingsstück von ihm erwähnen, welches anscheinend nicht sonderlich populär ist:

Romulus, der Große

Abgesehen davon, daß das Stück in einer etwas absurden Abwandlung sehr humoristisch ist, ist die Auflösung der Geschichte sehr bemerkenswert. Zumal man die gesamte Zeit rätselt, weshalb der letzte römische Kaiser dem Einfall der germanischen Horden so gleichgültig gegenüber steht. Es schlägt einen sehr kunstvollen Bogen vom Willen des ersten Kaisers Augustus, welcher die Vergrösserung des römischen Reiches verbot bis hin zur endgültigen Konsequenz der Missachtung dieses Gebotes.

Was mich auch sehr freute, war Jochens Erwähnung von Kafka, einem weiteren grossen Literaten. Jeder, der gerne Prämissen hinterfragt und Imperative von Institutionen in Frage stellt, sollte sich zumindest mit „Der Prozess“ und „Das Schloss“ auseinandergesetzt haben. Und das auch gerne in jungen Jahren!

In Kurzform also: vielen Dank für diese Episode!

(...dafür verzeihe ich auch die positive Besprechung eines Romanes, welchen ich auch nach zweimaligem Anlauf noch nichtmal als Hörbuch aushielt, eben weil er so schlecht war! ;) )

Und auch Danke dafür, daß ihr euch - trotz des Widerstandes in diesem Forum - nicht scheut auch anspruchsvollere Literatur und einige der ganz grossen Comicserien zu besprechen!!

Nimlod
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Re: Folge 27: Der Richter und sein Henker

Beitrag von Nimlod » Mi 28. Aug 2019, 09:32

Erstmal: Ich finde, es war eine gute Idee, mal so ein Buch zu nehmen und damit auch gleich die angrenzenden Themen mitzunehmen.

Eine Frage hätte ich noch. Seid ihr (bzw. Jochen) sicher, dass alle Schwülstigkeit (in Ermangelung eines besseren Begriffs grade) der Monologe bei Dürrenmatt immer beabsichtigt ist oder einem sinnvollen Zweck dient (wie in der von Falko gelesenen Stelle mit Gastmann)? Oder ist das vielleicht manchmal einfach nicht so toll oder auch zu sehr in einem Duktus der Zeit oder des Theaters verhaftet?
Ich hab mir nämlich auf eure Ankündigung hin bei Audible einen wirklich toll gelesenen (Hans Korte) Sammelband von Dürrenmatt gekauft (Der Verdacht, Der Richter und sein Henker und Das Versprechen). Aus irgendeinem Grund kam da der Verdacht zuerst und ehe mir klar war, dass das die falsche Reihenfolge ist, war ich schon mitten drin.
Das fing alles recht gut an, ähnlich wie ihr das über dieses Buch hier schildert, aber mit der Zeit ergeht sich Dürrenmatt in einem aus meiner Sicht unerträglichen, ewigen Erguss in genau dieser Art, die Falko beschrieben hat. Seite um Seite um Seite über die Verkommenheit und Sinnlosigkeit der Welt etc. Erst der Berlach selbst, dann der Jude, dann der Oberarzt, dann die Oberschwester, dann wieder Berlach. Das war echt hart. Vielleicht entging mir da etwas, aber ich konnte da keinen sinnvollen Kommentar auf irgendein Genre entdecken. Das war für mich einfach nur sehr, sehr, sehr schwülstig. Ich konnte das nicht zu Ende hören.
Wenn das aber da auch so ist (massenhaft), kann man sich dann sicher sein, dass das an anderer Stelle in Dürrenmatts Werk nicht auch einfach nur - mit Verlaub - "schlecht" geschrieben ist?

Klärt mich bitte auf oder gebt mir Recht. Beides wäre ok :D
Zuletzt geändert von Nimlod am Mi 28. Aug 2019, 20:20, insgesamt 1-mal geändert.

KingSirus
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Re: Folge 27: Der Richter und sein Henker

Beitrag von KingSirus » Mi 28. Aug 2019, 13:59

Ohne die vorherigen Kommentare gelesen zu haben, muss ich gerade ganz schnell einen Kommentar schreiben, um Jochen ganz intensiv beizupflichten. Es geht um den Punkt "Kinder lesen nicht" und "Kunst oder Kitsch". Das ist totaler Bullshit! Wenn ich in der Buchhandlung Eltern mit Kindern vor mir habe und schon höre "Mein Sohn liest nicht", denke ich mir nur: Ja, weil ihr ihm die falschen Bücher vorgesetzt habt!
Sprecht Interessen an, nehmt Bücher die cool aus der Sicht eines Jungen klingen. Wie oft ich Bücher empfohlen habe und die Augen des Kindes zu leuchten begannen, ehe von den Eltern kam "Ne, sowas liest mein Sohn nicht." *Facepalm*
Erstmal die Eltern in die Kinderspielecke schicken, die ganz nach Katia Saalfrank zur stillen Treppe umfunktioniert wird :evil:
Und es gibt so viel Literatur, die Kinder fordern könnte und sich besser für den Schulunterricht eignen würde, als - provokativ gesagt - eingestaubte Literatur von vor 400 Jahren.

Ich erinnere mich noch daran, wie ich in einer Klasse von ca. 30 Kindern der Einzige war, der Patrick Süskinds "Das Parfum" etwas abgewinnen konnte. Weil die meisten anderen entweder die Darstellung einer solch abgrundtief bösen / abscheulichen menschlichen Gestalt zu wider war oder aber dem Buch erst gar keine Chance zum Überzeugen gaben.

Ironic Maiden
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Re: Folge 27: Der Richter und sein Henker

Beitrag von Ironic Maiden » Mi 28. Aug 2019, 16:54

Hm, also ich habe eine ganze Weile überlegt ob ich was schreiben sollte, da das vermutlich zu einem halben Roman ausarten wird, aber ich kann mich einfach nicht zurückhalten.

Ich stehe der Folge etwas zwiegespalten gegenüber. Die Besprechung von "Der Richter und sein Henker" fand ich wie üblich prima, auch wenn ich mit dem Text selbst nichts anfangen kann. Das mag allerdings auch daran liegen, dass ich in der Schule schon vor dem Lesen gespoilert wurde, da in meinem zerfledderten Exemplar aus der Lehrmittelbibliothek vorne schon der Name des Täters stand. Danach habe ich dann erstmal nichts von Dürrenmatt gelesen, bis ich mit etwa 17 oder 18 "Die Physiker" gelesen habe und ganz großartig fand. Auch "Die Panne", eine Novelle, die ich teilweise mit den Schülern im Unterricht lese, mag ich sehr. Insofern, schöne Besprechung, vielleicht sollte ich doch mal wieder was von Dürrenmatt lesen.

Aber: Der Teil über den Deutsch- bzw. eigentlich den Literaturunterricht hätte schon besser sein können. Es ist ja schön und unterhaltsam, über eigene Erfahrungen zu reflektieren und sich ggf. darüber aufzuregen, aber daraus auf generelle Probleme zu extrapolieren finde ich etwas problematisch. Ich bin da als Deutsch- und Englischlehrerin da natürlich auch selbst betroffen, und viel der genannten Kritik ist auch durchaus zutreffend. Andererseits hätte ich mir etwas mehr Recherche oder Hintergrundwissen über modernen Literaturunterricht gewünscht, wenn schon über dieses Thema gesprochen werden soll. Es ist z.B. so, dass es keine Lehrpläne mehr gibt. Es gibt die sogenannten Kerncurricula für die einzelnen Fächer und die Bildungsstandards, die am Ende einzelner Jahrgangsstufen erreicht werden sollen. Weder Lehrpläne noch Kerncurricula geben vor, welche Werke konkret gelesen werden müssen. Die Lehrer haben da also schon einen recht großen Ermessensspielraum. So soll z.B. in der 10. Klasse über das epische Theater gesprochen werden, aber ob ich dann den "Kreidekreis", "Mutter Courage" oder "Die Dreigroschenoper" oder was auch immer lese, kann ich als Lehrer selbst entscheiden, sofern es nicht schulinterne Absprachen gibt. Einzige Ausnahme sind die sogenannten Leselisten für das Zentralabitur, da legt das Kultusministerium (zumindest in Hessen) per Erlass fest, welche Texte Pflicht sind. (Und da finden sich dann auch die grässlichen Sachen.) Alle diese Dokumente sind öffentlich zugänglich, ich hätte es besser gefunden, da vorher mal einen Blick reinzuwerfen, anstatt so pauschal zu argumentieren.

Im Gegensatz zu meiner eigenen Schulzeit werden im Unterricht aus massig Kinder- und Jugendbücher gelesen, und viele Lehrer beziehen ihre Schüler soweit es geht in die Lektüreauswahl mit ein. Man muss sich z.B. für Englisch nur mal anschauen, was die Schulbuchverlage als annotierte Ausgaben für den Englischunterricht rausgeben. Ein paar Beispiele wären "Looking for Alaska" von John Green, "13 Reasons Why", das als "Tote Mädchen lügen nicht" bei Jugendlichen als Serie wahnsinnig beliebt ist, "The Hate U Give", "The Hunger Games" usw. Bis zum Beginn der Kursphase werden im Englischunterricht fast ausschließlich YA-Romane gelesen.

In Deutsch ist es ganz ähnlich. Natürlich gibt es auch da Lehrer, die seit 30 Jahren "Rolltreppe abwärts" und danach dann "Die Judenbuche" lesen. Aber das Jugendbuch bzw. Bücher, die engen Bezug zur Lebenswelt der Jugendlichen nehmen, haben einen festen Platz im Deutschunterricht.

Andererseits ist es aber auch Aufgabe des Literaturunterrichts, den Schülern den Zugang zu Texten, die eben nicht in den letzten 15 Jahren erschienen sind und vielleicht auch mal nichts mit ihnen selbst zu tun haben, zu eröffnen. Genau wie im Geschichtsunterricht geübt werden soll, historische Quellen zu lesen, damit man nicht nur auf die Aussagen von Dritten vertrauen muss, oder in PoWi Statistiken analysiert werden anstatt nur deren Zusammenfassungen zu lesen, sollten Schüler lernen, sich auch Texte zu erschließen, die ihnen zunächst fremd sind. Historische Werke sind Fenster in die Geistesgeschichte. Wenn ich wissen will, wie das Leben im 19. Jahrhundert war, kann ich einen historischen Roman lesen. Vielleicht ist der sogar gut. Ich kann mich aber auch hinsetzen und einen Roman von Dickens lesen und die Erfahrungen der Menschen direkt selbst erleben.

Natürlich kann man jetzt sagen "Aber kein Jugendlicher interessiert sich für Menschen im 19. Jahrhundert." Klar, es interessieren sich aber auch kaum Jugendliche für Stochastik, Vererbungslehre, Musiktheorie oder Optik. Trotzdem wird es in der Schule unterrichtet, unter anderem auch, weil wir dort nicht nur Wissen für jetzt vermitteln, sondern den Jugendlichen auch ein breitgefächertes Grundlagenwissen vermitteln wollen, dass sie später ggf. dann doch nutzen können. Und sich einmal durch einen sperrigen Text geackert zu haben, kann durchaus auch das berechtigte Gefühl vermitteln, dass man sich auch schwere Texte aneignen und sie verstehen kann.
Zudem finde ich es problematisch, pauschal davon auszugehen, dass manche Texte die Schüler ohnehin nicht interessieren. Erstmal sind "Schüler" selbst in einer Jahrgangsstufe in der gleichen Schulform sehr heterogen. In einer typschen 10. Klasse sitzen Jugendliche zwischen 14 und 16 Jahren, Mädchen und Jungen, Kinder aus dem Bildungsbürgertum und Kinder, sie erst seit wenigen Jahren in Deutschland leben, manche werden verhätschelt, andere vernachlässigt, usw. Ich halte es für nahezu unmöglich, Lektüren auszuwählen, die allen Schülern gefallen. Wichtig ist mMn eine regelmäßige Abwechslung. Klar, ich kann (und sollte mMn) im Unterricht Literaturklassiker lesen. Ich kann (und sollte mMn) aber auch moderne Texte lesen und ich kann (und sollte mMn) die Leseerfahrungen und -vorlieben der Schüler ernst nehmen und diese in den Unterricht einbeziehen.

Und ich möchte hier nicht die vielfältigen Fehler und Probleme im Literaturunterricht kleinreden, ich möchte nur darauf hinweisen, dass es durchaus nicht alles so grässlich ist, wie im Podcast beschrieben.

Oh, und zum Schluss möchte ich noch auf einen großartigen Roman hinweisen, auf den ich ohne die Schule nie aufmerksam geworden wäre, und der mMn ein Text ist, der sowohl literarisch wertvoll ist, als auch Fragen behandelt, die Jugendliche beschäftigen: "Sansibar oder der letzte Grund" von Alfred Andersch.

Nimlod
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Re: Folge 27: Der Richter und sein Henker

Beitrag von Nimlod » Mi 28. Aug 2019, 18:11

Ironic Maiden hat geschrieben:
Mi 28. Aug 2019, 16:54
...
Ich schätze, dass das halt schon sehr unterschiedlich von Lehrer zu Lehrer und vor allem von Bundesland zu Bundesland sein kann. Meine Erfahrung in der Schule war in etwa genau dieselbe wie bei Jochen und Falko. Entweder hat sich da in den letzten 5-10 Jahren massiv etwas geändert oder es kommt drauf an, wo man zur Schule geht. Und insgesamt stimmt ihr ja eh überein. Jochen meinte ja auch, dass man nicht gar keine alten Bücher mehr lesen sollte, nur weniger und mit besserem Timing.
Davon abgesehen sollte man sich keinen Illusionen hingeben was das Lesen betrifft. Klar, man hat in jeder Klasse 2,3 Leute, die entweder sowieso sehr viel lesen oder zu pflichtbewusst sind. Aber ich kann mich noch sehr gut an meine Schulzeit erinnern. Spätestens mit der Mittelstufe (ich spreche vom Gymnasium) lesen mindestens 80% der Leute die Bücher nur teilweise oder gar nicht. Da kann man kaum davon reden, dass man eben nicht alle abholen kann. Vielleicht hat sich das geändert in der Zwischenzeit. Was ich aber von jetzt 17-19-Jährigen mitbekomme, sagt mir, dass das alles immer noch genauso ist wie früher. Wie gesagt, kann auch am Bundesland liegen.

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falko
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Re: Folge 27: Der Richter und sein Henker

Beitrag von falko » Do 29. Aug 2019, 05:37

@Ironic Maiden

Natürlich hast du völlig recht - was wir über das Schulsystem gesagt haben, war nur ein Streiflicht und keine Analyse, die journalistischen Standards entsprechen würde. Wie Nimlod schon ergänzt, wäre dabei auch das Problem, wie unterschiedlich alles ausfällt in den Bundesländern und dann individuell bei den Lehrpersonen. Wer in den letzten 5 Schuljahren einen alten Deutschlehrer hat, der nur noch sein gewohntes Programm abspult, hat andere Wirkungen als Leute, die gerade aus dem Referendariat kommen.

Ich habe jetzt mal kurz in den Lehrplan Deutsch Gymnsium Hessen reingeschaut: https://kultusministerium.hessen.de/sch ... ymnasium-8

Ja, da sind in den Lektüreempfehlungen deutlich mehr Jugendbücher drin als früher, aber:
- Als "Bewährte Lektüre" werden eben all die alten Titel aufgelistet wie vor 30 Jahren.
- Bei den Jugendbüchern würde mich mal interessieren, wie die Auswahl zustande gekommen ist. Da steht im letzten Jahrgang ernsthaft noch "Auf Wiedersehen im Cyberspace" drin. Ein Buch, das 20 fucking Jahre alt ist und auf heutige Schülerinnen und Schüler kaum weniger archaisch als "Der Biberpelz" wirken dürfte (der sprang mir in der Liste ins Auge, und ich hatte völlig verdrängt, dass wir den auch gelesen hatten ... brrrr ... :D )

Hatte ja erwähnt, dass mein Sohn 13 ist und meine Tochter 11. Da bekomme ich ein wenig ja mit, wie der Unterricht heute läuft (soweit sie bereit sind, den alten Herren einzubeziehen) und was behandelt wird. Mein Eindruck ist eher nicht, dass da eine Revolution passiert ist, sondern es scheint sich eher wenig getan zu haben. Schlimmer noch, wenn etwas verändert wird, ist es manchmal eine Verschlechterung, weil nicht konsequent verändert wird. Siehe Lehrplan, wie oft da der Begriff "CD-ROM" vorkommt. WER ZUM TEUFEL BENUTZT HEUTE NOCH CD-ROM? Mein Sohn hatte ein "interaktives Lernheft", auf dessen CD dann eine Flash-Applikation war, die auf Windows 10 überhaupt nicht mehr vernünftig laufen konnte. Klar - das ist alles rein anekdotisch und nicht eine tiefgehende Analyse des aktuellen Schulsystems, aber vielleicht behandeln wird as ja auch noch mal gezielt in einer Folge. (Ich würde gern auch irgendwann etwas über Leseförderung im Allgemeinen machen. Da kenne ich diverse Projekte und welche Erfahrungen da rauskommen.)

(Im Lehrplan sind "Rolltreppe abwärts" und "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" nicht mehr drin - yay, wir sind im 21. Jahrhundert angekomen! :D Allerdings ist "Die Wächter" von John Christopher immer noch drauf, allerdings frecherweise als "Jugendbuch" und nicht "Bewährte Lektüre". Es gibt kaum eine bewährtere Lektüre als "Die Wächter", und überhaupt müssen wir hier noch eine Folge über John Christophers "Die dreibeinigen Herrscher" aufnehmen, Jochen!!!)

Kurz noch allgemein zu diesem Punkt:
"Natürlich kann man jetzt sagen "Aber kein Jugendlicher interessiert sich für Menschen im 19. Jahrhundert." Klar, es interessieren sich aber auch kaum Jugendliche für Stochastik, Vererbungslehre, Musiktheorie oder Optik."
Ich denke, in allen Fächern gilt: es gibt immer diese ein oder zwei Personen in der Klasse, bei denen etwas geweckt wird zu einem Thema. Das muss nicht gleich in ein eindeutiges Talent münden, das kann alles erst Jahre später erblühen, aber dieser Erstkontakt ist wichtig. Allerdings hat Deutschunterricht - sobald es etwas sperriger wird - den großen Nachteil, dass es nicht die Lebenswirklichkeit der Schülerinnen und Schüler betrifft UND nicht per Experiment vermittelt werden kann. Es sind einfach nur trockene, gedruckte Worte. Wenn man dann den Bezug zu sagen wir den historisch spannenden Bauernkriegen herstellen will oder die Etymologie der einzelnen Worte herleitet ... nun ja, dann dünnt das Feld der Leute, bei denen das was bewirken kann, eher noch weiter aus. Es liegt da einfach sehr stark an den Leuten am Pult. (Übrigens ein Effekt, den ich dann im Studium noch weiter beobachtet habe: ich bin lieber in ein Seminar über Biedermeier-Lyrik gegangen, wenn ich wusste, dass ich gern der Lehrperson länger zuhöre, als in ein Thema zu gehen, mit dem ich halbwegs vertraut war, aber der Dozent eine Schnarchnase.)

Falls das nicht deutlich wurde: Ich habe einen Heidenrespekt vor Lehrerinnen und Lehrern. Ich könnte diesen Job auf Dauer nicht machen, denn ich bin nach 90 Minuten Lesung an einer Schule schon komplett im Arsch. Klar, ist was anderes, weil man da Performer und nicht Lehrer ist, aber trotzdem ...

Und weil mir gerade bei FB dieser Brief von Edgar Rice Burroughs an den damals noch jungen Forrest J Ackerman begegnet und der so schön passt, hänge ich ihn hier noch dran. :D

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Re: Folge 27: Der Richter und sein Henker

Beitrag von Ironic Maiden » Do 29. Aug 2019, 14:43

Wow, das ist ja mal eine ausführliche Antwort!
falko hat geschrieben:
Do 29. Aug 2019, 05:37

- Als "Bewährte Lektüre" werden eben all die alten Titel aufgelistet wie vor 30 Jahren.
- Bei den Jugendbüchern würde mich mal interessieren, wie die Auswahl zustande gekommen ist. Da steht im letzten Jahrgang ernsthaft noch "Auf Wiedersehen im Cyberspace" drin. Ein Buch, das 20 fucking Jahre alt ist und auf heutige Schülerinnen und Schüler kaum weniger archaisch als "Der Biberpelz" wirken dürfte (der sprang mir in der Liste ins Auge, und ich hatte völlig verdrängt, dass wir den auch gelesen hatten ... brrrr ... :D )

[...]

(Im Lehrplan sind "Rolltreppe abwärts" und "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" nicht mehr drin - yay, wir sind im 21. Jahrhundert angekomen!
Ja, in den Lehrplänen stehen teilweise wirklich Fossilien drin. Wobei mir witzigerweise erst letzte Woche ein Schüler erzählt hat, dass er "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" in der Mittelstufe gelesen und es ihn sehr beeindruckt hat... Ich war ziemlich entgeistert. (Und ich werde das Buch trotzdem nie im Unterricht behandeln.)
Das Problem bei Lektüren ist mMn häufig auch gar nicht so der Text selbst, sondern was man damit macht. Eine Freundin von mir hat den "Biberpelz" im Unterricht in der 7. Klasse behandelt, und hat mit den Schülern z.B. Familienfotos gemacht, um die Beziehungen der Figuren herauszuarbeiten und die Schüler haben im Zuge dessen erstens den Text genauer gelesen, zweitens einen Heidenspaß dabei gehabt sich zu verkleiden und die Figuren darzustellen und drittens noch was über altmodische Familien- und Portraitphotographie gelernt. Zu "Faust" lasse ich die Schüler öfter einen Soundtrack erstellen, bei dem sie passende Musik zu von ihnen ausgewählten Szenen zusammenstellen sollen. Eine Kollegin hat mit ihrer Klasse "Andorra", was für mich ein Paradebeispiel für doofe Schullektüre ist, als Hörspiel umgesetzt. Man kann aus vielen Texten was herausholen, und für mich ist bei der Lektüreauswahl das auch ein wichtiges Kriterium. Nur weil mir der Text gefällt, heißt das noch nicht, dass ich damit im Unterricht viel anfangen kann.

Leseförderung ist ein Riesenthema und ich bin dabei teilweise sehr pessimistisch. In den fünften Klassen lesen die meisten Schüler noch gerne und viel und sind auch sehr interessiert an allen möglichen Büchern. Das lässt dann aber bald rapide nach. Dieser "Leseknick" im Alter von 11 bis 12 Jahren ist wissenschaftlich - soweit ich weiß - ziemlich gut untersucht und wird meist darauf zurückgeführt, dass in diesem Alter dann andere Interessen, insbesondere der Kontakt zu Gleichaltrigen, wichtiger werden und mehr Zeit einnehmen. Und heute, wo Zeit mit den Freunden zu verbringen durch Whatsapp u.ä. so leicht und allgegenwärtig geworden ist, ist das wahrscheinlich noch extremer. Ich finde das an sich ja auch nicht schlecht, schließlich hat fast jeder Phasen, in denen man mehr oder weniger liest. Ich sehe dabei eher das Problem, dass gerade in dem Alter dann Leseförderung häufig als eine Mischung aus Propaganda (so mit Postern a la "Lesen macht Spaß!" oder "Ein Buch kann dein bester Freund sein!") und wohlmeinenden Zumutungen (niemand liest plötzlich gerne, weil er auch noch ein Lesetagebuch führen soll) daherkommt. Damit fördert man meiner Ansicht nach keine Begeisterung fürs Lesen. Umgekehrt glaube ich aber auch nicht, dass man Schülern das Lesen so leicht austreiben kann. Wer gerne liest übersteht sowohl den Leseknick als auch den Deutschunterricht.
Ich persönlich versuche, Leseförderung nach der 6. Klasse vor allem dadurch zu betreiben, dass ich dem persönlichen Lesen der Schüler Wertschätzung und Raum gebe. Wenn ich sehe, dass ein Schüler liest, frage ich nach -sofern es nicht gerade stört- und zeige Interesse. Wenn jemand ein Buch vorstellen möchte, kann er oder sie das machen. Ich verurteile oder bewerte da auch nichts, außer ich habe das Buch selbst gelesen und es hat mir nicht gefallen, aber dann begründe ich das auch und mache deutlich, dass das häufig auch eine Geschmacksfrage ist. Für meine Englischkurse habe ich eine Liste mit etwa 30 Werken zusammengestellt, in der sowohl Klassiker als auch Fantasy-, Horror- und Kriminalromane sind. Bei jedem Buch gibt es eine Einordnung, wie schwer es auf Englisch zu lesen ist. Diese Liste schicke ich Schülern auf Wunsch per Mail zu, was meist etwa zwei Drittel des Kurses möchten. Häufig bekomme ich dann später auch Rückmeldungen, dass Schüler Texte von der Liste gelesen haben. Das ist aber kein Zwang, von meiner Seite ist das eher ein "Hey, diese Bücher finde ich toll, wenn du was suchst schau doch mal hier nach". Umgekehrt habe ich auch schon Bücher gelesen, die mir Schüler empfohlen haben.
Und klar stößt das an Grenzen. Aber umgekehrt sind meine Lehrer aus damals daran gescheitert, mir Begeisterung für die lateinische Sprache oder Chemie zu vermitteln, und da hatte ich wirklich gute Lehrer, die sich ernsthaft bemüht haben.
falko hat geschrieben:
Do 29. Aug 2019, 05:37
Siehe Lehrplan, wie oft da der Begriff "CD-ROM" vorkommt. WER ZUM TEUFEL BENUTZT HEUTE NOCH CD-ROM? Mein Sohn hatte ein "interaktives Lernheft", auf dessen CD dann eine Flash-Applikation war, die auf Windows 10 überhaupt nicht mehr vernünftig laufen konnte. Klar - das ist alles rein anekdotisch und nicht eine tiefgehende Analyse des aktuellen Schulsystems, aber vielleicht behandeln wird as ja auch noch mal gezielt in einer Folge. (Ich würde gern auch irgendwann etwas über Leseförderung im Allgemeinen machen. Da kenne ich diverse Projekte und welche Erfahrungen da rauskommen.)
Ja, Schulbuchverlage sind in der Hinsicht gruselig. Aber wenigstens entspricht der von ihnen veröffentlichte technische Standard der antiquierten technischen Ausstattung an den Schulen. Ich freu mich schon, wenn wir in ein paar Jahren endlich auf dem technischen Stand von 2010 angelangt sind...

ClausC
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Re: Folge 27: Der Richter und sein Henker

Beitrag von ClausC » Fr 30. Aug 2019, 04:42

Ich streiche ja nur ungern hervor, dass wir in Österreich bei vielen Fällen was Schule angeht um einiges unkomplizierter und weniger strikt oder sonst was sind als Deutschland... und das fängt schon damit an, dass Bildung bei uns Bundessache ist. Allein von den Organisationsstrukturen und den Abläufen und Rechts-Dingen die ich von deutschen Kolleg/-innen mitbekomme wird mir regelmäßig schlecht... oder ich fange manisch an zu lachen und denke mir "lol, srsly?".

So auch bei Literaturkanon und Schulbuchverlagen. Um hier mal eben eine "ausländische" Perspektive zu bringen: Im Unterschied zu den deutschen Lehrplänen haben wir keinen vorgeschriebenen Literaturkanon (Das wird Jochen freuen), ich kann also quasi lesen was ich und auch wann ich will - nämlich wenn ich die Klasse für geeignet halte. Eine Klasse ist mit 14 in der Lage "ältere" Literatur zu begreifen (natürlich mit Anleitung & Führung)? Dann les ich eben in der 4. Klasse Gymnasium "Kleider machen Leute". (Letztes Schuljahr so gemacht, hat erstaunlich gut funktioniert). Klar gibt es ein paar Bücher, besonders in der Oberstufe die unter die Kategorie "Da muss man durch" fallen. Wieso les ich aber Dinge wie "Die Verwandlung", "Faust", "Bahnwärter Thiel" oder "Frühlings Erwachen" trotzdem? Zum Teil auch dem eigenen Unwillen entgegen? Weil sie in vielen Fällen exemplarisch für eine Literaturepoche sind. Es geht dabei aber immer um das "wie". Wie gehe ich mit Schülern gemeinsam an die Lektüre heran? Lass ich sie wild drauf los und hoffe auf das beste und konfrontiere sie einfach mit meinen Erwartungen und lege ihnen irgendwelche Arbeitsaufträge hin, die sie zu den Erkenntnissen führen soll, die die Literaturwissenschaft so mühsam herausgearbeitet hat? Oder mache ich mir die Arbeit und nähere mich diesen Büchern langsam und behutsam gemeinsam mit den Schüler/-innen an.

Bei vielen - lange nicht bei allen, Gott bewahre - Menschen tritt, mit steigendem Wissen über Literatur (Erzählstruktur, Weltenbau, Charaktere, Motive,...) und dem damit verbundenen tieferen Verständnis auch eine Luststeigerung ein - das beschreibt Falko ja auch sehr schön im Podcast "Jetzt, mit mehr Wissen über diese Dinge, weiß ich was ich daran habe." (Paraphrasiert).
Das funktioniert bei weitem nicht bei allen und einige Schüler/-innen werden allem was ich ihnen vorlege, egal welches Genre, welche Epoche, welche/-r Autor/-in, sie werden dabei nie dieselbe Lust am Lesen und an der Geschichte empfinden können, wie andere. Und das ist genauso in Ordnung wie alles andere. Aber ich muss es ihnen anbieten, muss ihnen die Möglichkeit bieten, das zu entdecken.

Für mich geht es im Literaturunterricht oft vielmehr darum den Leuten zu zeigen was es noch alles gibt und gab, außerhalb ihrer Lebenswelt und dass man sich auf viele Dinge auch vielleicht erst einlassen muss, und nicht einfach a priori sagt "Das is ja 100 Jahre alt, das is doch langweilig".

Natürlich hat das auch viel mit der Lehrerpersönlichkeit zu tun und der Art, wie man selbst zu Literatur steht, mit ihr umgeht, etc. Wenn ich von vornherein mit meinem "dummen elitären" Haltungen den Klassenraum betrete und gar nichts anderes zulasse, wird mein Unterricht anders sein und anders ausgehen, als jemand wie ich, der in seinem Leben sicher mehr "Unterhaltungsliteratur" als "Kunst" gelesen hat - und ich habe mich sogar auf der Uni erfolgreich darum herumgedrückt viele Dinge zu lesen, die auf den Leselisten der Vorlesungen und Seminare standen.

Lesen und Literatur, auch Literaturtheorie und Literaturwissenschaft, sind für mich aber auch oft ein Vehikel, um etwas ganz anderes zu transportieren (Kolleg/-innen dürfen jetzt nervös zu zucken beginnen, wenn ich von "Kompetenzorientiertem Unterricht" spreche). Sie sind - wieder auch hier: zumindest für mich, in meinem Unterricht - ein Vehikel, um Schülern begreiflich zu machen, dass Wörter Bedeutung tragen. Und zwar unabhängig davon, was der Autor sagen wollte (der ist immerhin schon tot oder hat zumindest nichts dazu zu sagen wie ich sein Buch zu lesen und zu verstehen habe), sondern was die Menschen darin sehen. Nämlich auch in Hinblick auf politische Kommunikation und in Hinblick auf Werbung. Wenn ich verstanden habe, dass Wörter und gewisse Formulierungen Codes für irgendetwas sein können, die in manchen Personen oder Personengruppen etwas bestimmtes auslöst, dann kann ich auch verstehen wieso es problematisch ist, dass die FPÖ zur Angelobung im Parlament Kornblumen am Revers trägt.


Und zum Abschluss noch: Ich krieg immer leicht das nervöse Zucken, wenn Menschen die die Schule nur als Schüler (oder in Falkos Fall mittlerweile als Elternteil) erleben, aber die Perspektive "der anderen Seite" nicht kennen, nämlich besonders auch, was die Weiterentwicklung des Literaturunterrichts angeht. Da würde es sich durchaus mal lohnen, eine/-n Lehrer/-in den Podcast zu holen, vielleicht auch einer der nicht "Kinder zu Bücherverbrennern erzieht" (Jedesmal 1 Schnaps wenn Jochen das sagt übrigens, tolles Trinkspiel)

Aber vielleicht ist das auch nur mein Blickwinkel, von meiner Insel der Seeligen.

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Peter
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Re: Folge 27: Der Richter und sein Henker

Beitrag von Peter » Fr 30. Aug 2019, 07:23

Nimlod hat geschrieben:
Mi 28. Aug 2019, 18:11
Ich schätze, dass das halt schon sehr unterschiedlich von Lehrer zu Lehrer und vor allem von Bundesland zu Bundesland sein kann.
Aus meiner persönlichen Erfahrung würde ich sagen, dass das auch schon vor 30 Jahren der Fall war. Wir haben jedenfalls eine relativ ausgewogene Mischung gelesen, darunter Jugendromane und auch einige neue Bücher aus den 80ern. Und das hing in der Tat sehr von den Lehrern ab: Bei einem alten Lehrer gabs größtenteils Klassiker, da musste man dann zigmal Goethe und Schiller lesen und danach gings ins Theater zur Iphigenie. Bei einer jungen Lehrerin bekamen wir dagegen sogar brandneue Sachen wie Felidae und gingen zum Club der toten Dichter ins Kino. Ja, vieles fand ich damals ätzend, aber einige Sachen habe ich gerne gelesen. Ich hätte mir auch gewünscht, dass wir z.B. mal was von Kafka drangenommen hätten, statt 4x Goethe.

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