Folge 27: Der Richter und sein Henker

Hier wird über die aktuelle Folge diskutiert. Und über alle anderen natürlich auch.
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falko
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Re: Folge 27: Der Richter und sein Henker

Beitrag von falko » Fr 30. Aug 2019, 08:19

ClausC hat geschrieben:
Fr 30. Aug 2019, 04:42
Und zum Abschluss noch: Ich krieg immer leicht das nervöse Zucken, wenn Menschen die die Schule nur als Schüler (oder in Falkos Fall mittlerweile als Elternteil) erleben, aber die Perspektive "der anderen Seite" nicht kennen, nämlich besonders auch, was die Weiterentwicklung des Literaturunterrichts angeht. Da würde es sich durchaus mal lohnen, eine/-n Lehrer/-in den Podcast zu holen, vielleicht auch einer der nicht "Kinder zu Bücherverbrennern erzieht" (Jedesmal 1 Schnaps wenn Jochen das sagt übrigens, tolles Trinkspiel)
Erst mal vielen Dank für die ausführliche Schilderung, wie es bei euch läuft. Sehr interessant - mangels Kontakt fehlte mir da der Einblick völlig.

Lehrerin oder Lehrer in den Podcast holen ist absolut eine Option, eben als Update zu dieser Folge. Alles eine Frage der Kapazitäten, des Aufwands und des Lehrplans. ;)

Ich glaube, was ich in der Folge nicht erwähnt hatte, aber hier kurz schildern kann: Mein Kontakt mit Schulklassen bestand in den letzten Jahren aus Lesungen vor ebendiesen aus dem einen Jugendroman, den ich 2010 veröffentlicht habe. Die meisten dieser Lesungen haben allerdings in der Schweiz stattgefunden, genauer gesagt der Ostschweiz, die ich sieben Jahre lang je eine Woche lang bereist habe. Da habe ich natürlich auch mit den Lehrpersonen ausführlich über den Unterricht dort geredet und da schon ein paar Einblicke erhalten, wie die Unterschiede zu Deutschland aussehen.

Klar - als Autor tritt man vor einer Schulklasse anders auf als eine Lehrperson, und ich hatte den strategischen Vorteil, dass ich nur von meiner Arbeit an Computerspielen erzählen musste, um auch die Jungs reinzuholen. :D Trotzdem war meine Erkenntnis aus diesen vielen Lesungen: ich könnte kein Lehrer sein. Nope. Meine Nerven wären ruckzuck verbraucht.

TROTZDEM hatte ich mich tatsächlich vor, puh, knapp 10 Jahren mal beim Hessischen Kultusministerium auf eine Liste setzen lassen für den Quereinstieg in den Lehrberuf (ich habe M.A.-Abschluss, kein Staatsexamen). Da war gerade schwere Flaute, und ich wollte mir die Tür zumindest offenhalten. Mir wurde auch klar gesagt: gut, dass sie das jetzt noch machen, Herr Löffler, wenn sie erst mal über 40 sind, können Sie's eh vergessen (wobei das vielleichtt auch nur im Bezug auf eine Verbeamtung war). Es war für mich durchaus eine Schreckensvorstellung, dass TATSÄCHLICH ein Angebot einer Schule reinflattern könnte. :D Dann hätte ich gelehrt und nebenher das Staatsexamen nachgeholt. Mir war allerdings schon bei der Registrierung gesagt worden, dass meine Kombination aus Deutsch und Englisch kaum angefragt wird. Puh.

Es kam auch nie was, und vor ein paar Jahren habe ich mich von der Liste streichen lassen. Jetzt muss ich mich irgendwie bis zur Rente durchschlagen. :D

Daher: Riesenrespekt an alle, die das können. Ich muss in meinem Büro sitzen und nachdenken können und den Kontakt zur Außenwelt stark kontrollieren. Mich würde nicht nur das Tanzen vor den Klassen fertigmachen, sondern auch der bürokratische Apparat, in den man gerät ...
"Getting older is no problem. You just have to live long enough." - Groucho Marx

Jochen
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Re: Folge 27: Der Richter und sein Henker

Beitrag von Jochen » Fr 30. Aug 2019, 08:43

ClausC hat geschrieben:
Fr 30. Aug 2019, 04:42
Und zum Abschluss noch: Ich krieg immer leicht das nervöse Zucken, wenn Menschen die die Schule nur als Schüler (oder in Falkos Fall mittlerweile als Elternteil) erleben, aber die Perspektive "der anderen Seite" nicht kennen, nämlich besonders auch, was die Weiterentwicklung des Literaturunterrichts angeht. Da würde es sich durchaus mal lohnen, eine/-n Lehrer/-in den Podcast zu holen, vielleicht auch einer der nicht "Kinder zu Bücherverbrennern erzieht" (Jedesmal 1 Schnaps wenn Jochen das sagt übrigens, tolles Trinkspiel)
Das ist ja lustig: Ich kriege nämlich immer ein ganz ähnliches Zucken, wenn Lehrer reflexartig annehmen, der Kritiker wohne irgendwo hinter der Venus gleich links, sei seit 30 Jahren keiner Schule mehr begegnet, habe nie mit angehenden Lehrerinnen und Lehrern zusammen studiert und keinen einzigen praktizierenden Lehrer im engen Freundes- und Familienkreis - geschweige denn ein halbes Dutzend :mrgreen:

Die "Weiterentwicklung" des Literaturunterrichts - zumindest in Hessen - übrigens sehe ich an zahlreichen Kindern und Jugendlichen im engen Freundes- und Familienkreis. Er ist, mit Verlaub, immer noch ein ziemlich großer dampfender Haufen Exkrement :D

ClausC
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Re: Folge 27: Der Richter und sein Henker

Beitrag von ClausC » Fr 30. Aug 2019, 08:45

Gerade der bürokratische Apparat ist hier in Österreich weniger schlimm :'D
Aber ich kann das andersrum genauso nachvollziehen. Ich könnte kein Autor sein. Ich hab schon einiges wissenschaftlich geschrieben und hatte jetzt die Möglichkeit, etwas für einen größeren deutschen Rollenspielverlag zu schreiben. Es waren "nur" knapp 30.000 Zeichen, aber gefühlt das schwerste Stück Arbeit das ich bisher verrichtet habe... Trotzdem hab ich mich da (auch wegen des Lob des Redakteurs für meine Arbeit) auf die Liste der freien Autoren setzen lassen. So hin und wieder ein kurzer Text... ja, wieso nicht. Aber dauerhaft... ich glaube dazu bin ich nicht kreativ genug. Oder hab die falsche Art von Kreatitivtät :'D

Und Jochen: Dass du den Kontakt hast weiß ich durch diverse Podcasts. Ich hab vielleicht vergessen am Ende noch zu schreiben "War zum Glück aber jetzt gar nicht so schlimm" :D. Aber ich glaube du verstehst dann ja auch, woher das nervöse Zucken kommt. Gerade weil Unterricht so extrem von der einzelnen Lehrperson und der Klassenzusammensetzung abhängig ist, dass man halt immer nur Einzelausschnitte sehen kann... Verallgemeinerungen doof diesdasananas. Was vermutlich der dampfende Haufen Exkrement ist, ist wohl der Lehrplan in Hessen... was die Leute dann draus machen steht ja wieder auf nem ganz anderen Blatt. Aber den kenn ich nicht, keine Ahnung was da drinnsteht.
Und bei uns ist ja sowieso alles viel besser. Sowieso. Grundsätzlich.

Shenmi
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Re: Folge 27: Der Richter und sein Henker

Beitrag von Shenmi » Fr 30. Aug 2019, 08:56

Ich fand den Podcast sehr interessant, auch wenn ich das Buch nicht gelesen habe.
Inhaltlich habe ich durch eure Besprechung jetzt auch nicht so viel davon erfahren, was aber absolut keine Kritik sein soll.
Denn ich fand die Diskussion rund um das Thema Literatur und Lehrplan wesentlich spannender und es hätte mir nichts ausgemacht dies noch zu vertiefen.
Ich musste in der Schule auch einiges lesen wo ich mich gefragt habe was es bringen soll. Und dabei habe ich zu denjenigen gehört die er sehr gern lesen.
Für viele aus meinem Jahrgang stellt ja ein Whatsapp Chat bereits das Maximum dar. Und selbst da sagen sie einem noch, man solle nicht immer solche Romane verfassen. Ich meine... ROFL, LOL und Co tun es ja auch, garniert mit haufenweise Smileys.
Mich hat das immer erschreckt und ich benutze solche Abkürzungen selbst nicht oder schreibe alles klein.
Ich finde es nur bemerkenswert wie schluderig die Deutschen mit ihrer Sprache umgehen, wo sie doch eigentlich ziemlich toll ist und präzise wie kaum eine andere. Stattdessen reden lieber viele Englisch - egal ob sie es beherrschen oder nicht - und kommen sich auch noch unfassbar gebildet dabei vor.
Ihre eigene Sprache sehen sie offenbar als nicht besonders erhaltenswert an, was ich sehr schade finde.
Deshalb hat Jochen auch recht wenn er sagt, man erzieht die Schüler zu Bücherverbrennern - ein ganz toller Ausdruck übrigens- wenn man sie so etwas lesen lässt.
Natürlich kann man argumentieren, die hundert Seiten wird jeder mal durchstehen. Nur können die eben vollkommen ausreichen den Leuten das Lesen auf ewig zu vermiesen.
Selbiges gilt im Übrigen meiner Auffassung nach auch für das Auswendiglernen irgendwelcher Gedichte. Einige mochte ich sogar gern, wie z.B. den Handschuh. Ich habe mich allerdings immer gefragt wo der tiefere Sinn liegen soll, dieses Werk auswendig zu lernen, es dann im Unterricht wiederzugeben und mir noch 30 Mal von anderen anzuhören. Während über Interpretationen kaum gesprochen wird, vom Versuch das Ganze etwas modern zu gestalten und schmackhaft zu machen, ganz zu schweigen.
Glaubt irgendjemand wirklich das animiert Menschen dazu, sich mit Literatur und Lyrik zu befassen? Selbst den Menschen die für so etwas empfänglich sind, wird es sehr schwer gemacht.

@Iron Maiden:

Einen solchen Lehrer hätte ich mir in meiner Schulzeit auch gewünscht und die ist noch nicht so lange her.
Vielleicht ist das ja auch so eine Generationen Sache, denn unser Lehrer war wohl eher ein Auslaufmodell, der sich an "Altbewährtem" orientiert hat.
Wie Du sagst liegt vieles im Ermessensspielraum der Lehrer. Eventuell ist es ja auch notwendig, die Sache von oben aus zu verändern.
Sonst mischen sich die Länder doch auch ständig in die Bildung ein, siehe "Schreiben nach Gehör" und ähnlicher Blödsinn. Nur da wo es sinnvoll wäre, wird vielleicht nicht das getan was notwendig wäre.
Eventuell ändert sich das ja aber mit der Zeit, wenn die alten Generation in Rente ist. Wobei anzunehmen ist das auch einige neue Lehrer die alten Muster übernehmen. Es ist ja auch bequem.

Akill0816
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Re: Folge 27: Der Richter und sein Henker

Beitrag von Akill0816 » Fr 30. Aug 2019, 22:51

Ich finde solche Pauschalkritik am Schullesestoff immer schwierig und würde persönlich z.B. Dürrenmatt (bei mir die Physiker) als einer der spannenderen Schullektüren einordnen. Letztlich ist vieles auch Geschmackssache und man wird nichts finde, was einer ganzen Klasse gefällt.
Mein Deutsch-LK war damals für mich ein ziemlicher Reinfall, weil man uns eine Referendarin vorgesetzt hat, die offensichtlich ein Faible für Expressionismus und absurdes Theater (Beckett verfluche ich bis heute) hatte womit ich nichts anfanden konnte. Andere kamen dagegen vom Kunst-LK und mochten den Kram und waren recht zufrieden. Der Parralelkurs hat für mich wesentlich spannendere Sachen gelesen an denen aber andere verzweifelt wären.

Generell finde ich, dass in der Schule zu viel Theater gelesen wird. Mit dem Lesen von Theaterstücken bin ich nie glücklich geworden. Ich gehe sehr gern ins Theater und habe das sogar während der Schulzeit schon halbwegs gemocht. Aber bis auf wenige Ausnahmen würde ich nie ein Theaterstück in gedruckter Form konsumieren (die Physiker und Faust haben dank eines thematischen Interesses tatsächlich in der Schule bei mir funktioniert). Und unser Deutschuntericht bestand ob der späten Mittelstufe bestimmt zur Hälfte aus gelesenem Theater.
Ich finde es auch sehr fragwürdig wie stark sich der Sprachunterricht auf literarisches Lesen und interpretieren fokusiert. Kreatives Schreiben oder journalistisches Schreiben kommen dagegen deutlich zu kurz obwohl sich sicher später eher Schüler mit diesen Tätigkeiten beschäftigen werden als mit hoher Literatur. Insgesamt kommt mir Sprachkompetenz in der Schule zu kurz und der Oberstufenunterricht ähnelt einem kleinen Vorbereitungskurs auf ein literarisches Germanistikstudium.

Die Unterscheidung in Unterhaltungs- und Hochliteratur halte ich nicht für ganz so an den Haaren herbeigezogen wie Jochen und Falko und ich kann mir schwerlich vorstellen, dass ein King genug interpretatorische Ansätze bieten um einen klassischen Deutschunterricht mit ihm zu machen. Zumindestens würde das von den Lehrern eine ziemliche Kreativität fordern.
Auch ein Krimi klassischer Bauart gibt häufig zu wenig her um ihn als Unterrichtsmaterial zu verwursten. Trotzdem ist die Kunst einen perfekt verwobenen Krimiplot zu schaffen eine, die auch nicht viele Autoren perfekt beherrschen und an der mancher Literat mit anderen Fähigkeiten gescheitert wäre. Interpretationsoffenheit und Hintergründigkeit bzw. gesellschaftliche Relevanz sind halt andere Ziele als eine spannende, schlüssige und insich logische Handlung.
Die Unterscheidung sollte allerdings weniger starr und mehr fließend sein.

Zu Dürrenmatt speziell muss ich sagen, dass mir Der Verdacht und auch die Physiker noch besser gefallen haben und mich die Geschichten immer nachhaltig beeindruckt haben. Ich finde es für den Podcast durchaus spannend wenn ihr euch auch zwischendurch mal ein Stück "Hochliteratur" zur Brust nehmt und euren Senf dazugebt.

Jochen
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Re: Folge 27: Der Richter und sein Henker

Beitrag von Jochen » Sa 31. Aug 2019, 11:00

Akill0816 hat geschrieben:
Fr 30. Aug 2019, 22:51
Die Unterscheidung in Unterhaltungs- und Hochliteratur halte ich nicht für ganz so an den Haaren herbeigezogen wie Jochen und Falko und ich kann mir schwerlich vorstellen, dass ein King genug interpretatorische Ansätze bieten um einen klassischen Deutschunterricht mit ihm zu machen
Mal abgesehen davon, dass der "klassische Deutschunterricht" meinethalben gerne das Schicksal von Mengenlehre, Altgriechisch als erster Fremdsprache oder Stockschlägen teilen dürfte, liefert das Werk von King nicht weniger interpretatorische Ansätze als das Werk von z.B. Fontane oder Kafka. Man muss sie bloß erkennen wollen. Daran scheitert es meiner Erfahrung nach viel, viel öfter als am tatsächlichen Inhalt ;)

ClausC
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Re: Folge 27: Der Richter und sein Henker

Beitrag von ClausC » So 1. Sep 2019, 05:56

Ich kann dir sehr banal sagen woran das liegt (zumindest wenn man keinen vorgegebenen Kanon hat wie in D), aber das würde nur ein Althergebrachtes Lehrerklischee befeuern, deswegen lass ichs mal lieber... :lol: :lol: :lol:

KingSirus
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Re: Folge 27: Der Richter und sein Henker

Beitrag von KingSirus » Di 3. Sep 2019, 12:06

Ich habe nun alle Kommentare gelesen und würde gerne zu dem einen oder anderen Punkt gerne meinen Senf hinzufügen wollen.
Ironic Maiden hat geschrieben:
Mi 28. Aug 2019, 16:54
Im Gegensatz zu meiner eigenen Schulzeit werden im Unterricht aus massig Kinder- und Jugendbücher gelesen, und viele Lehrer beziehen ihre Schüler soweit es geht in die Lektüreauswahl mit ein. Man muss sich z.B. für Englisch nur mal anschauen, was die Schulbuchverlage als annotierte Ausgaben für den Englischunterricht rausgeben. Ein paar Beispiele wären "Looking for Alaska" von John Green, "13 Reasons Why", das als "Tote Mädchen lügen nicht" bei Jugendlichen als Serie wahnsinnig beliebt ist, "The Hate U Give", "The Hunger Games" usw. Bis zum Beginn der Kursphase werden im Englischunterricht fast ausschließlich YA-Romane gelesen.

In Deutsch ist es ganz ähnlich. Natürlich gibt es auch da Lehrer, die seit 30 Jahren "Rolltreppe abwärts" und danach dann "Die Judenbuche" lesen. Aber das Jugendbuch bzw. Bücher, die engen Bezug zur Lebenswelt der Jugendlichen nehmen, haben einen festen Platz im Deutschunterricht.
Ich komme jetzt mal mit meiner anekdotischen Evidenz an und würde aus meiner Berufserfahrung im Buchhandel dir ein klares „Nein!“ entgegen halten. Seit ca. 4 Jahren arbeite ich in Hessen als Buchhändler, am Rand zu Rheinland-Pfalz. Damit erlebe ich bisweilen Schulmaterialkauf aus zwei Bundesländern. Meine Ausbildung habe ich 3 Jahre lang in NRW gemacht. Und ich verkaufe damit seit 7 Jahren - mit Absicht etwas überspitzt formuliert, man möge mir dies bitte verzeihen - denselben Lektürenrotz. Goethe, Schiller, Lessing, Dürrenmatt, etc.
Eine Liste von 10 Autoren, die Jahr für Jahr gelesen werden. In den Altersbereichen der Grundschule erlebe ich tatsächlich ein wenig Kinder- / Jugendliteratur, wobei es auch hier in Hessen / Rheinland-Pfalz ebenfalls die immergleichen 4 - 5 Verdächtigen sind die dran kommen.
Und was den Englischunterricht angeht, da ist es fast nur „The Giver“, „Looking for Alaska“, „Mother to Mother“ und als einziger Lichtblick aus Sicht der Schüler*innen „The Hunger Games“. Der von dir angesprochene Ermessensspielraum von Lehrer*innen mag vorhanden sein, spiegelt sich bei uns aber nicht wieder. Und ich will und kann auch deiner Zunft keinen Vorwurf machen. Denn wenn ich diesen Job voraussichtlich 40+ Jahre machen würde, angesichts der anstrengenden Berufssituation, kann ich verstehen dass man auf viel zurückgreift was ja auch mit ausreichend Lehrermaterial von den Verlagen unterstützt wird. Ein Werk wie „Tote Mädchen lügen nicht“ ist super um das Thema Mobbing Kindern näher zu bringen, wenn ich mir aber einen kompletten Lehrstoff dafür selbst erarbeiten muss, wundert es mich nicht dass ein guter Teil der Lehrkörper nach Schema F arbeitet.
Und bei der Maße an Neuerscheinungen und sich für den Unterricht potentiell eignenden Werken als Lesestoff für den Unterricht, wäre auch eine solche Forderung an Lehrer*innen dermaßen fern von der Praktikabilität, wie es nur geht…

Ironic Maiden hat geschrieben:
Mi 28. Aug 2019, 16:54
Andererseits ist es aber auch Aufgabe des Literaturunterrichts, den Schülern den Zugang zu Texten, die eben nicht in den letzten 15 Jahren erschienen sind und vielleicht auch mal nichts mit ihnen selbst zu tun haben, zu eröffnen. Genau wie im Geschichtsunterricht geübt werden soll, historische Quellen zu lesen, damit man nicht nur auf die Aussagen von Dritten vertrauen muss, oder in PoWi Statistiken analysiert werden anstatt nur deren Zusammenfassungen zu lesen, sollten Schüler lernen, sich auch Texte zu erschließen, die ihnen zunächst fremd sind. Historische Werke sind Fenster in die Geistesgeschichte. Wenn ich wissen will, wie das Leben im 19. Jahrhundert war, kann ich einen historischen Roman lesen. Vielleicht ist der sogar gut. Ich kann mich aber auch hinsetzen und einen Roman von Dickens lesen und die Erfahrungen der Menschen direkt selbst erleben.
ClausC hat geschrieben:
Fr 30. Aug 2019, 04:42
Das funktioniert bei weitem nicht bei allen und einige Schüler/-innen werden allem was ich ihnen vorlege, egal welches Genre, welche Epoche, welche/-r Autor/-in, sie werden dabei nie dieselbe Lust am Lesen und an der Geschichte empfinden können, wie andere. Und das ist genauso in Ordnung wie alles andere. Aber ich muss es ihnen anbieten, muss ihnen die Möglichkeit bieten, das zu entdecken.
Ist es aber nicht leichter einen solchen Zugang zu eröffnen, wenn auch die Bereitschaft bei Schüler*innen vorhanden ist, sich solchen Werken zu stellen? Und eine leichtere Bereitschaft erreicht man doch, wenn man vorab den Kindern Lesen als etwas Positives vermittelt und nicht mit den realitätsfremdesten Werken diese Freude im Vorfeld ersticken lässt, oder? Und ich glaube auch nicht, dass es egal ist welches Genre, Epoche oder Autor einem Kind vorgesetzt werden. Viel wichtiger ist hier über die bereits vorhandenen Interessen eine Brücke zum Lesen zu schlagen!
Ich verweise daher an der Stelle kurz zu meiner Beschreibung, wie Eltern Literatur für ihre Kinder auswählen auf Seite 1 dieses Threads. Da dieser Kommentar sich gut als Antwort zu beiden Aussagen eignen würde und zeigt, wie durchaus Kindern das Lesen ausgetrieben werden kann, wenn man nicht zulässt das zu lesen was sie möchten, sondern zwingt Dinge zu lesen zu denen sie keinen Bezug haben.
Und selbst in dieser Vermittlung von älterer Literatur, kann man zwischen Werken auswählen, die aufgrund ihres Themas eine höhere Chance haben bei den Schüler*innen Anklang zu finden, als andere. Ich halte es da wie Jochen: Gewisse Literatur setzt auch eine gewisse Reife voraus, um ihr etwas abgewinnen zu können!

Ironic Maiden hat geschrieben:
Mi 28. Aug 2019, 16:54
Natürlich kann man jetzt sagen "Aber kein Jugendlicher interessiert sich für Menschen im 19. Jahrhundert." Klar, es interessieren sich aber auch kaum Jugendliche für Stochastik, Vererbungslehre, Musiktheorie oder Optik. Trotzdem wird es in der Schule unterrichtet, unter anderem auch, weil wir dort nicht nur Wissen für jetzt vermitteln, sondern den Jugendlichen auch ein breitgefächertes Grundlagenwissen vermitteln wollen, dass sie später ggf. dann doch nutzen können. Und sich einmal durch einen sperrigen Text geackert zu haben, kann durchaus auch das berechtigte Gefühl vermitteln, dass man sich auch schwere Texte aneignen und sie verstehen kann.
Bin ich ganz bei dir, wobei ich hier immer argumentieren würde, dass ein Unterricht der spaßig / spielerisch Wissen vermittelt weitaus eher von Erfolg gekrönt ist, als ein Unterricht der trocken einfach nur Lesen und Interpretation von mir fordert. Dies sieht man auch in Bereichen wie Sachbüchern oder Wissenschaftskommunikation. Menschen konsumieren lieber Science Slams oder Sachbücher wie „What if…?“ oder „Die Wissenschaft von Eis und Feuer“, als einer trockenen Vorlesung zu folgen, bei der in einem langen Monolog Folie für Folie abgearbeitet wird.

Ironic Maiden hat geschrieben:
Mi 28. Aug 2019, 16:54
Zudem finde ich es problematisch, pauschal davon auszugehen, dass manche Texte die Schüler ohnehin nicht interessieren. Erstmal sind "Schüler" selbst in einer Jahrgangsstufe in der gleichen Schulform sehr heterogen. In einer typschen 10. Klasse sitzen Jugendliche zwischen 14 und 16 Jahren, Mädchen und Jungen, Kinder aus dem Bildungsbürgertum und Kinder, sie erst seit wenigen Jahren in Deutschland leben, manche werden verhätschelt, andere vernachlässigt, usw. Ich halte es für nahezu unmöglich, Lektüren auszuwählen, die allen Schülern gefallen. Wichtig ist mMn eine regelmäßige Abwechslung. Klar, ich kann (und sollte mMn) im Unterricht Literaturklassiker lesen. Ich kann (und sollte mMn) aber auch moderne Texte lesen und ich kann (und sollte mMn) die Leseerfahrungen und -vorlieben der Schüler ernst nehmen und diese in den Unterricht einbeziehen.
Man kann aber auch nicht mehr heutzutage jedes Individuum abholen, sondern muss schauen dass man auf den größten gemeinsamen Nenner kommt. So traurig es klingen mag. Und daher gibt es ja auch pauschale Richtlinien im Bildungssystem. Klischees (und eigentlich auch Pauschalisierungen) haben die Angewohnheit, dass sie daraus entstanden sind das sie einen Funken Wahrheit in ihrem Kern tragen. Oftmals zumindest, bevor man mir die Aussage falsch auslegen mag!

Ironic Maiden hat geschrieben:
Do 29. Aug 2019, 14:43
Ja, in den Lehrplänen stehen teilweise wirklich Fossilien drin. Wobei mir witzigerweise erst letzte Woche ein Schüler erzählt hat, dass er "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" in der Mittelstufe gelesen und es ihn sehr beeindruckt hat... Ich war ziemlich entgeistert. (Und ich werde das Buch trotzdem nie im Unterricht behandeln.)
Leider gibt es aber zu „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ kein gutes modernes Äquivalent, welches den Drogenkonsum aufarbeitet. Insofern fände ich so ein Buch unterrichtstechnisch durchaus auch wertvoll. Ähnlich wie das bereits genannte „Tote Mädchen lügen nicht“ zur Thematik Mobbing oder „Die Welle“, wenn es um Gruppendynamik und Bildung faschistischer Weltanschauung geht. Solche Werke sind aber finde ich auch immer am stärksten davon betroffen, dass die Schüler*innen die nötige Reife haben nicht davon nur genervt zu sein, sondern auch für ihr Leben etwas daraus zu ziehen.

Ironic Maiden hat geschrieben:
Do 29. Aug 2019, 14:43
Das Problem bei Lektüren ist mMn häufig auch gar nicht so der Text selbst, sondern was man damit macht. Eine Freundin von mir hat den "Biberpelz" im Unterricht in der 7. Klasse behandelt, und hat mit den Schülern z.B. Familienfotos gemacht, um die Beziehungen der Figuren herauszuarbeiten und die Schüler haben im Zuge dessen erstens den Text genauer gelesen, zweitens einen Heidenspaß dabei gehabt sich zu verkleiden und die Figuren darzustellen und drittens noch was über altmodische Familien- und Portraitphotographie gelernt. Zu "Faust" lasse ich die Schüler öfter einen Soundtrack erstellen, bei dem sie passende Musik zu von ihnen ausgewählten Szenen zusammenstellen sollen. Eine Kollegin hat mit ihrer Klasse "Andorra", was für mich ein Paradebeispiel für doofe Schullektüre ist, als Hörspiel umgesetzt. Man kann aus vielen Texten was herausholen, und für mich ist bei der Lektüreauswahl das auch ein wichtiges Kriterium. Nur weil mir der Text gefällt, heißt das noch nicht, dass ich damit im Unterricht viel anfangen kann.
Dieser Punkt, den du und ClausC da aufmachen, finde ich mit am wichtigsten und spannendsten. Das knöpft ja auch an meine Anfangsaussage an, dass ich von Lehrer*innen nicht diesen Einsatz einfordern kann, wenn er aber aus eigenem Antrieb erbracht wird, sind dies für mich immer die Paradebeispiele einer / eines „guten“ Lehrerin / Lehrers. Ich wünschte ich hätte im Deutschunterricht jemanden wie euch gehabt.

Ironic Maiden hat geschrieben:
Do 29. Aug 2019, 14:43
Leseförderung ist ein Riesenthema und ich bin dabei teilweise sehr pessimistisch. In den fünften Klassen lesen die meisten Schüler noch gerne und viel und sind auch sehr interessiert an allen möglichen Büchern. Das lässt dann aber bald rapide nach. Dieser "Leseknick" im Alter von 11 bis 12 Jahren ist wissenschaftlich - soweit ich weiß - ziemlich gut untersucht und wird meist darauf zurückgeführt, dass in diesem Alter dann andere Interessen, insbesondere der Kontakt zu Gleichaltrigen, wichtiger werden und mehr Zeit einnehmen. Und heute, wo Zeit mit den Freunden zu verbringen durch Whatsapp u.ä. so leicht und allgegenwärtig geworden ist, ist das wahrscheinlich noch extremer. Ich finde das an sich ja auch nicht schlecht, schließlich hat fast jeder Phasen, in denen man mehr oder weniger liest. Ich sehe dabei eher das Problem, dass gerade in dem Alter dann Leseförderung häufig als eine Mischung aus Propaganda (so mit Postern a la "Lesen macht Spaß!" oder "Ein Buch kann dein bester Freund sein!") und wohlmeinenden Zumutungen (niemand liest plötzlich gerne, weil er auch noch ein Lesetagebuch führen soll) daherkommt. Damit fördert man meiner Ansicht nach keine Begeisterung fürs Lesen. Umgekehrt glaube ich aber auch nicht, dass man Schülern das Lesen so leicht austreiben kann. Wer gerne liest übersteht sowohl den Leseknick als auch den Deutschunterricht.
Hier möchte ich mich kurz aus einem anderen Beitrag zitieren:
KingSirus hat geschrieben:
Sa 10. Aug 2019, 17:19
Jochen hat geschrieben:
Di 6. Aug 2019, 19:34
Es gibt sicherlich auch Bücher, die nicht ganz so krass im Preis gestiegen sind wie dieses eine wahllose Beispiel, aber gerade im Vergleich zu anderen Medien, die mitunter massiv im Preis gefallen sind (die 10€ für Netflix hab ich früher in einer halben Woche in die Videothek getragen und von Spotify vs. CDs will ich gar nicht erst anfangen) oder zumindest seit Jahrzehnten nicht gestiegen sind (Computer- und Videospiele zum Beispiel) wundert es mich gar nicht, dass Bücher bei jüngeren Generationen schon längst den Weg des Dodo gehen.
Und das ist wieder so eine gefühlte Wahrheit. Siehe hierzu die JIM (Jugend, Information, Medien) und KIM (Kinder, Information, Medien) Studien des Medienpädagogische Forschungsverbunds Südwest (mpfs), welche seit der Jahrtausendwende gemacht werden. Seit Jahren sind hier konstante Zahlen im Leseverhalten von Kindern und Jugendlichen zu finden.

Quellen:
Artikel zur JIM Studie 2018 bei Buchreport
Noch ein Artikel zur JIM Studie 2018 (mit Downloadlink dieser) bei Lesen-in-Deutschland
Artikel zur KIM Studie 2016 bei alphaPROF
Wie du schon sagst: Wer gerne liest, hört damit nicht so einfach auf. Daher ist es vor allem wichtig die Lust daran zu wecken.

Akill0816 hat geschrieben:
Fr 30. Aug 2019, 22:51
Die Unterscheidung in Unterhaltungs- und Hochliteratur halte ich nicht für ganz so an den Haaren herbeigezogen wie Jochen und Falko und ich kann mir schwerlich vorstellen, dass ein King genug interpretatorische Ansätze bieten um einen klassischen Deutschunterricht mit ihm zu machen. Zumindestens würde das von den Lehrern eine ziemliche Kreativität fordern.
Deutschunterricht kann ich dir nicht bieten, aber Englischunterricht. Denn in diesem haben wir damals in der Oberstufe einmal von Stephen King „The girl who loved Tom Gordon“ (dt. „Das Mädchen“) lesen müssen. Zur damaligen Zeit kam glaube ich in der Philosophie gerade eine Thema auf, der Dinge in „the good, the bad, the ugly“ einteilte. Bekomme es im Detail nicht mehr hin, zu viel verdrängt. Jedenfalls mussten wir in der Klausur zum Roman drei Halluzinationen eines im Wald verirrten Mädchens diesen philosophischen Betrachtungen zuordnen und argumentieren, warum wir sie jeweils für das Gute, das Böse und das Hässliche hielten.
Zwei Feststellungen: Das Buch war das mit Abstand langweiligste King Werk, welches man im Unterricht hätte lesen können. Und zweitens glaube ich, dass er vielleicht davon inspiriert wurde eine solche Einteilung vorzunehmen, doch zeigt es am Ende auch dass dies egal ist. Denn je nachdem wie gut ich meine Interpretation begründen kann, ist diese immer richtig und damit egal wovon sich der Autor inspirieren ließ oder eben nicht…

Akill0816 hat geschrieben:
Fr 30. Aug 2019, 22:51
Auch ein Krimi klassischer Bauart gibt häufig zu wenig her um ihn als Unterrichtsmaterial zu verwursten. Trotzdem ist die Kunst einen perfekt verwobenen Krimiplot zu schaffen eine, die auch nicht viele Autoren perfekt beherrschen und an der mancher Literat mit anderen Fähigkeiten gescheitert wäre. Interpretationsoffenheit und Hintergründigkeit bzw. gesellschaftliche Relevanz sind halt andere Ziele als eine spannende, schlüssige und insich logische Handlung.
Die Unterscheidung sollte allerdings weniger starr und mehr fließend sein.
Auch hier: Englischunterricht in der 10. Klasse. Wir haben das Hörspiel zu Agatha Christies Roman „The murder of Roger Ackroyd“ (dt. „Alibi“) gehört und dazu eine Unterrichtsreihe gestaltet. Hat super funktioniert und uns viel über den Aufbau klassischer Krimiromane des „Who done it“-Genres beigebracht und wie Christie diese Muster eben in jenem speziellen Fall aufgebrochen hat. Beziehungsweise mit den Konventionen des Genres spielte. Wie zuvor von Ironic Maiden und ClausC gesagt, ist es also vor allem eine Frage dessen wie fähig ein(e) Lehrer*in ist einen Stoff für die Schüler*innen ansprechend zu gestaltenl.


Sooooo, langer Kommentar. Aber manchmal eskaliere ich in den wenigen Momenten, wenn ich in Foren noch Kommentare schreibe. Daher danke an jeden der sich das alles durchgelesen hat.
Und noch einen wunderbaren Tag euch :)

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