Bonusfolge 36: Der Gesang der Flusskrebse

Hier wird über die aktuelle Folge diskutiert. Und über alle anderen natürlich auch.
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falko
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Bonusfolge 36: Der Gesang der Flusskrebse

Beitrag von falko » Do 28. Apr 2022, 19:44

Diese Flusskrebse haben sich in der Bestsellerliste festgeklammert und wollen einfach nicht loslassen. Eine Verfilmung kommt auch bald. Und das bei einem Debütroman, den die Autorin mit fast 70 Jahren veröffentlicht hat (nach mehreren Sachbüchern). Es geht um das Mädchen Kya, das in den 50er Jahren in den Sümpfen von North Carolina aufwächst. Ihre Mutter verlässt die Familie, die Schwestern und der Bruder verschwinden auch, und dann lebt sie mit ihrem gewalttätigen Vater alleine. Sie wird eine junge Frau, und sie verliebt sich – auch in einen Jungen, der – so erfahren wir schon im Prolog – Jahre später getötet wird. Und sie ist die Hauptverdächtige.

Ob sich das Buch lohnt oder es so’n typischer Bestseller ist, sagen wir euch in dieser Folge – und diskutieren über eine eigenwillige Übersetzungsentscheidung.

Viel Spaß mit der neuen Bonusfolge, die unsere Abonnent*innen nun im Posteingang, auf der Homepage und im Bonus-Stream finden.
"I must say I find television very educational. The minute somebody turns it on, I go to the library and read a good book." - Groucho Marx

Ironic Maiden
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Re: Bonusfolge 36: Der Gesang der Flusskrebse

Beitrag von Ironic Maiden » So 1. Mai 2022, 12:20

Vielen Dank für die Folge!

Ich kann die Empörung über die Übersetzungsentscheidung gut nachvollziehen. (Ok, ich als Weiße Person bin auch nicht unmittelbar betroffen, insofern sind meine Überlegungen natürlich aus einer entfernteren Position als bei Menschen, die tatsächlich Rassismus erleben müssen.)
Ich verstehe nicht ganz, warum man es nicht bei einer Fußnote belassen hat, in der auf die entsprechenden Konnotationen des Wortes verwiesen wird. Das hätte mMn völlig gereicht, um bei Leser*innen eine Sensibilität zu erreichen, aber den Originaltext nicht geschönt. Generell finde ich es nicht in Ordnung, einen Text in der Übersetzung dermaßen zu verändern.

Ich habe gerade mit einer 10. Klasse "Jugend ohne Gott" von Ödön von Horvath aus dem Jahr 1937 gelesen. Darin fällt regelmäßig der Ausdruck "Neger". (Hoffe es ist ok, dass ich das jetzt ausgeschrieben habe.) Am Anfang der Buchbesprechung habe ich den Schüler*innen erklärt, dass das Wort in Zitaten aus dem Buch selbstverständlich ausgeschrieben werden sollte, weil es eine wörtliche Übernahme aus dem Text ist, wir es aber in Diskussionen über den Text nicht verwenden werden, da dieser Ausdruck heute aus guten Gründen nicht mehr verwendet wird. Ebensowenig wie wir heute in normalen Gesprächen von "Weibern" reden würden, selbst wenn Goethe das macht. (Auch wenn die Analogie natürlich nicht ganz passt, weil "Weiber" erst im Laufe der Zeit eine negative Konnotation entwickelt hat.) Von aufgeklärten, klugen Menschen erwarte ich, dass sie zwischen früher und heute unterscheiden können.

Klar gibt es einen Unterschied zwischen einem historischen Roman wie "Der Gesang der Flusskrebse" und einem 80 Jahre alten Text, aber ich finde es völlig klar, dass man bei Beschreibungen einer historischen Epoche auch die Ausdrücke dieser Zeit verwendet, selbst wenn man dies heute nicht mehr tun würde. Zusätzliche Erklärungen kann man gerne in Fußnoten oder im Vorwort einfügen, alles andere verkauft die Leser*innen mMn für dumm.

Insgesamt finde ich es etwas seltsam, Begriffe zu verändern, um den Text etwas weniger unbehaglich zu gestalten, aber z.B. keine Inhaltswarnung bezüglich sexueller Gewalt zu geben. Ich bin in dieser Hinsicht vielleicht etwas empfindlich, aber ich habe in letzter Zeit mitbekommen, dass einige Personen in meinem Bekanntenkreis sich mit diesem Thema sehr schwer tun, und keine Texte lesen können, in denen Vergewaltigung thematisiert wird, da sie dadurch massiv getriggert werden. Es gestaltet sich aber ausnehmend schwer, im Vorfeld herauszufinden, ob dieses Thema in einem Roman vorkommt. (Vielleicht zeigt dies auch, wie nonchalant in unserer Gesellschaft immer noch damit umgegangen wird, wenn man in jedem x-beliebigen Roman damit rechnen muss, dass zwischendurch mal jemand vergewaltig oder missbraucht wird.)

Ich denke also, wenn man schon so viel Rücksicht auf moderne Sensibilitäten nimmt, dass man ganze Begriffe in der Übersetzung austauscht, hätte man vielleicht auch noch ein bischen weiterdenken und eine Triggerwarnung vor den Text stellen können. Wenn schon, dann richtig.

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Oliver Naujoks
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Re: Bonusfolge 36: Der Gesang der Flusskrebse

Beitrag von Oliver Naujoks » Di 3. Mai 2022, 13:55

Ironic Maiden hat geschrieben:
So 1. Mai 2022, 12:20
Vielen Dank für die Folge!

Ich kann die Empörung über die Übersetzungsentscheidung gut nachvollziehen.
Kann mich nur anschließen, ich fand den Podcast auch sehr interessant und fast spannend. Ich weiß nicht, ob ich wie Jochen das Buch abgebrochen hätte, ich wäre aber definitiv an der Stelle mit der Fußnote auch erstmal hängen geblieben und hätte mich darüber geärgert. Das alles zeigt aber auch auf, mit wievielen Verkrampfungen dieses Thema noch besetzt ist und in welchem Konflikt da wohl die Übersetzer gestanden haben.

Nach dem Podcast habe ich noch eine Weile vor mich hin spekuliert, warum gerade dieses Buch so ein Dauer-Megaseller ist. Ihr habt im Podcast dazu ja explizit die Waffen gestreckt. Ich, glaube ich, auch. Dabei habe ich das Buch nicht mal gelesen und fühle mich nach dem Podcast auch nicht ermutigt dazu. Das scheint nicht "meins" zu sein.
Liest: "Tales of the Shadowmen 1", J.-M. Lofficier (ed.) // "Carnacki, the Ghost Finder", William Hope Hodgson
Spielt: NHL 22, Out of the Park Baseball 23, Vampire: The Masquerade - Swansong, Syberia: The World Before,

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Re: Bonusfolge 36: Der Gesang der Flusskrebse

Beitrag von Zwirbel » Di 3. Mai 2022, 17:24

Ich fand den Podcast zum Buch sehr ansprechend, wenn auch Jochen mit seinem Rant zur Übersetzungsentscheidung etwas übertrieben hat. Ich hatte seinen Einwand schon nach dem ersten Mal verstanden ;) und bin mit ihm auch einig, dass hier die Übersetzung daneben ist. Dennoch ein wichtiges Thema, das angesprochen gehört.

Danke auch, dass ihr das Buch besprochen habt, so hatte ich eine Ausrede, es zu lesen. Der Titel hat mich nicht angesprochen, auch wenn es mich bereits davor gereizt hat, es zu lesen. Ich kann sehr viele der Argumente von Falko verstehen, weshalb das kein richtig gutes Buch ist, aber wie ihn hat es mich in die Geschichte hineingezogen (und das, obwohl ich weder eine Frau noch jung bin, sondern eher im Alter der Buchpodcaster). Ich würde mich auch als Vielleser bezeichnen, dennoch hat mich das Buch mit seinen etwas schwülstigen Beschreibungen gut abgeholt. Den Twist am Ende habe ich aber auch sehr lange schon vorausgesehen, sobald eigentlich klar ist, dass Kya angeklagt ist, war mir einigermassen klar, dass [Falko: ich habe mir erlaubt, hier den Hardcore-Spoiler über das Ende des Buches zu entfernen :) (Wiedervorlage: Spoiler-Tags ...)]

PS: Rumo und die Wunder im Dunkeln habe ich als Hörbuch vor Jahren gehört (bei Audible, vorgelesen von Dirk Bach). Neben der Geschichte hat mich vor allem die Vorlesestimme von Dirk Bach, der sehr vielfältig liest, überzeugt. Es ist wirklich ein Hörgenuss. Ich werde es daher als Hörbuch zu Gemüte führen, auch wenn mir dabei die Illustrationen entgehen.

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falko
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Re: Bonusfolge 36: Der Gesang der Flusskrebse

Beitrag von falko » Mi 4. Mai 2022, 07:38

Zwirbel hat geschrieben:
Di 3. Mai 2022, 17:24
Den Twist am Ende habe ich aber auch sehr lange schon vorausgesehen, sobald eigentlich klar ist, dass Kya angeklagt ist, war mir einigermassen klar, dass [Falko: ich habe mir erlaubt, hier den Hardcore-Spoiler über das Ende des Buches zu entfernen :) (Wiedervorlage: Spoiler-Tags ...)]
Willkommen im Forum und danke für deinen Beitrag!

Ich hoffe, der schützende Eingriff in deinen Beitrag geht in Ordnung - nicht dass jemand drüberstolpert und eigentlich das Buch noch lesen will. :)

Spoiler-Tags stehen schon lange auf meiner Liste. Aber die Liste ist lang. Und wo ist sie überhaupt?
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ManuelaR
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Bonusfolge 36: Der Gesang der Flusskrebse

Beitrag von ManuelaR » Mi 4. Mai 2022, 11:47

Im Grossen und Ganzen schliesse ich mich eurer Meinung an. Bereits im August 2021 hatte ich meinen Senf zu diesem Buch abgegeben (in der Rubrik "Was lest ihr gerade") und war dementsprechend gespannt auf diese Folge. Der Hype hatte mich damals auch eingeholt. Für mich war das Buch (zu) leicht und flüssig zu lesen, aber trotz der vielen Adjektive, empfand ich Kya oberflächlich und unnahbar. Mir fehlte der Tiefgang in diesem Roman. Für mich ist das Buch einfach zu kitschig. Getreu dem Motto "perfekte Filmvorlage" :lol:
Jochen hat es ein wenig übertrieben mit seiner Meinungsäusserung. Mir sind die Anmerkungen/Übersetzungspunkte beim Lesen der Deutschen Ausgabe auch aufgefallen, aber deswegen ein Buch abzubrechen? Ich kann an der Übersetzung leider auch Nichts mehr ändern..... :|
Peace & be wild!

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