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Folge 38: Eine Frage der Moral

Verfasst: Di 18. Feb 2020, 05:20
von falko
Zu viel lesen ist nicht gut für die Augen! Also tanzen wir diesmal aus der Reihe und beantworten eure Fragen. Nicht alle, denn ihr habt ein Füllhorn über uns ausgeschüttet – danke! Dies sind die Fragen, über die wir heute reden:

Timecodes und Kapitelmarken:
03:51 – Liest man als Autor seine eigenen Bücher irgendwann nochmal?
11:28 – Hört ihr euch auch Hörbücher an oder sind diese für euch zu zeitaufwendig?
19:19 – Stimmt es, dass es recht einfach ist, für eine Welt eine Lore zu schreiben?
31:20 – Wie wichtig ist es für euch, dass eine Erzählung eine Hauptfigur hat, die euch interessiert bzw. deren Handeln mit eurem Moralverständnis übereinstimmt?
41:22 – These: Es gibt einen bestimmten Kanon an Büchern, die jede*r gelesen haben sollte.
50:40 – Warum sind die Bücher, die Buchkritiker und Bücherkreise im Fernsehen und Radio bewerten und bewerben, immer so langweilig?

Folge 38: Eine Frage der Moral

Re: Folge 38: Eine Frage der Moral

Verfasst: Di 18. Feb 2020, 07:22
von NobodyJPH
Vielen Dank für die Beantwortung meiner Frage.

Ich lese frühere Texte von mir auch nur sehr widerwillig. Sowas wie RP-Texte, Beschreibungen in irgendwelchen Browsergames und manchmal sogar Forenposts altern einfach ganz schlecht. "Wie konnte ich das damals nur SO schreiben?!"

Oder vielleicht altere ich auch einfach nur ganz schlecht. :D

Re: Folge 38: Eine Frage der Moral

Verfasst: Di 18. Feb 2020, 08:09
von ABMGW
Was die Hörspiele angeht: "Die Abschaffung der Arten" von Dath gibt es als Hörspiel kostenlos im Bayern Hörspielpool. Die Dücher von Dath kann man nur schwer irgendjemand empfehlen, aber die Hörspielbearbeitung ist grandios. Außerdem ists es für umsonst.

Re: Folge 38: Eine Frage der Moral

Verfasst: Di 18. Feb 2020, 12:33
von Shenmi
Vielen Dank für diesen schönen Podcast, den ich eben beim Aufräumen und abwaschen gehört habe.
Die einzige Enttäuschung daran war, dass er tatsächlich nur 60 Minuten ging. Ich hätte euch gerne noch sehr viel länger zugehört, auch wenn ich sehr dankbar bin das ihr uns eure Zeit opfert!
Mir haben besonders die Ausführungen von Falko sehr gefallen und nun habe ich erst recht Lust auf eine Werkstatt Folge.

Hörspiele: Ich mag sie auch nicht und das erstaunt mich immer wieder, da ich relativ viele Podcasts höre, wenn ich unterwegs bin.
Aber ich kann mich irgendwie nicht so gut auf die Geschichte konzentrieren, wenn ich unterwegs bin. Und wenn es mich doch mal fesselt, bin ich zu Hause angekommen und finde es total blöd, mit Kopfhörern herumzusitzen oder mich vor eine Bluetooth Box zu setzen.
Manchmal nerven mich auch die Sprecher, die sowieso nicht in meinem Tempo lesen. Und mir fehlt die Möglichkeit inne zu halten, zurückzublättern oder Dinge zu markieren. Ein Buch kann ich auch kurz unterbrechen, das Smartphone nehmen und mal kurz recherchieren. Bei einem Hörbuch reißt mich das irgendwie komplett raus.
Ich mag die Dinger einfach überhaupt nicht. Hörspiele habe ich noch nie ausprobiert.

Jack Ketchums Evil: Falko sagt, ihm hat es nichts gegeben, mir dagegen sehr viel.
Denn es hat mir verdeutlicht das solche Dinge auch in der Nachbarschaft geschehen können. Und Jack Ketchum hat es hinbekommen das Gefühl zu erzeugen, nicht wegsehen zu dürfen. Ich habe beim Lesen geweint und immer wieder überlegt abzubrechen. Dennoch wäre es mir wir ein Verrat erschienen, so als würde ich das Verbrechen decken und unterstützen. Genau diese Emotionen machen diesen Roman so großartig und wichtig für mich.

Mit den Empfehlungen ist es so eine Sache. Ich nenne es den "Evil" Effekt, da ich dieses Werk tatsächlich schon mehreren Menschen empfohlen habe, allerdings nie ohne Warnhinweis. Meistens bekam ich dann irgendwann eine Nachricht, was ich denn hätte und was daran so furchtbar sein soll.
Wenig später schreiben die Leute dann immer nur Sachen wie "Oh mein Gott...".
Ich habe auch schon versucht es ein zweites Mal zu lesen, nur um zu schauen wie Ketchum mich derart gefangen nehmen konnte. Aber ich habe schon einen Brechreiz wenn ich den Anfang lese, die ich als eine idyllische Stand by me Kulisse empfinde. Wohl wissend wie es endet.
Und das kann ich nicht nochmal durchhalten. Ich weiß auch nicht wovor ich mehr Angst hätte: Das es mich beim zweiten Mal wieder so doll trifft oder das es das nicht mehr tut.

Auf jeden Fall Danke ich euch für diese unterhaltsame Stunde!
LG Yue

P.S. : Richard Laymon geht gar nicht! Ich habe mit grausiger Faszination einige seiner Werke gelesen, bis es mir irgendwann zu bunt wurde.
Die vor allem sexuell konnotierte Gewalt gegen Frauen, die immer nahe am Sadismus operiert und dann auch noch versehen mit einem gewissen erotischen Touch, widern mich einfach an. Das hat mich immens gestört, auch wenn ich sonst nicht sonderlich zart besaitet bin.

Re: Folge 38: Eine Frage der Moral

Verfasst: Di 18. Feb 2020, 14:28
von Ironic Maiden
Danke für die Folge!

Hörspiele höre ich tatsächlich kaum, obwohl ich sie als Kind geliebt habe. Das allerschlimmste sind "anspruchsvolle" Hörspiele, wie sie z.B. der Deutschlandfunk gerne ausstrahlt. Ich frage mich immer, wie die Zuhörer*innen von sowas aussehen. In meinem Kopf sind das ältere Leute, die vor einer gigantischen Stereoanlage in einem Ohrensessel sitzen, ein Glas Rotwein trinken und dabei einer Kakophonie von Stimmen, die bedeutungsvoll über nichts schwadronieren, lauschen. Gibt es diese Leute in echt wirklich? BBC4 sendet jeden Tag am Nachmittag ein Hörspiel und da sind gelegentlich recht nette, rein unterhaltende Sachen dabei, eben das Equivalent zu nicht zu anspruchsvollen Kurzgeschichten. Umsetzungen von Romanen mag ich als Hörspiel gar nicht und da fehlt mir oft zu viel vom Text.
Hörbücher finde ich gut, aber nicht als Ersatz zum Lesen. Ich höre Hörbücher entweder von Romanen, die ich schon kenne, aber nicht unbedingt nochmal lesen will, z.B. wenn ich für die Schule mal wieder "Lenz" lesen muss aber keine Lust habe, dann kann ich das nebenher beim Stricken erledigen, oder die englischen Lesungen von Terry Pratchett-Romanen. Und dann gibt es noch den Fall, dass mir ein Roman nicht wichtig genug ist, um ihn tatsächlich zu lesen, ich aber Lust auf eine spannende Geschichte habe. Deswegen liebe ich z.B. die englischen Fassungen der "Dresden Files"-Romane von Jim Butcher. Als Romane wären sie mir tatsächlich etwas zu doof, aber zum Hören finde ich sie prima.

Es wundert mich immer, dass Leute sagen, sie hätten so wenig Zeit zum Hören. Ich höre Hörbücher und Podcasts z.B. bei der Hausarbeit (bei der Menge, die ich höre, müsste meine Wohnung eigentlich blitzsauber sein, keine Ahnung warum das nicht so ist...) und beim Kochen. Vielleicht liegt das bei mir aber auch daran, dass ich sehr lange, von Anfang 20 bis Ende 20, keinen Fernseher und auch nicht immer einen Computer hatte, damit hat sich bei mir und meinem Freund das konstante Hören einfach eingebürgert. Und seitdem man durch Podcasts nicht mehr auf das Radioprogramm angewiesen ist, hat sich das eher verstärkt. Wenn ich ein Hörbuch oder einen Podcast wirklich spanndend finde, verzichte ich abends auch oft auf Netflix und co, sondern spiele mit meinem Freund eine Runde Karten oder stricke und höre das nebenher weiter. Das ist natürlich leichter, wenn man keine Kinder hat und Hobbys pflegt, die man nebenbei erledigen kann.

Die Kanondiskussion (dem Plural geschickt ausgewichen...) sehe ich immer mit etwas zwiespältigen Gefühlen. Ich denke schon, dass man für bestimmte Unterbereiche durchaus einen jeweiligen Kanon aufstellen kann, z.B. "Die 50 Romane des 19. Jahrhunderts, die auch für die heutige Literatur noch relevant sind" oder "Die 20 biblischen Geschichten, die man gelesen haben sollte, wenn man literarische Klassiker verstehen will", einfach weil man so Bezüge und Referenzen deutlich machen kann. Schwierig finde ich es, wenn - wie auch gesagt wurde - eine Art kulturelle Hegemonie erzeugt werden soll, also jemand definieren will, was letztendlich umfassende Bildung ausmacht, jenseits davon, beispielsweise Entwicklungslinien in der Literatur zu verfolgen. Ich lese zwar gerne Listen wie z.B. die vom "Guardian" mit den 100 angeblich besten Romanen des 21. Jahrhunderts und komme mir dann schlau vor, aber arrogant finde ich den Anspruch der Ersteller dieser Listen schon.

Re: Folge 38: Eine Frage der Moral

Verfasst: Mi 19. Feb 2020, 11:40
von NobodyJPH
Ironic Maiden hat geschrieben:
Di 18. Feb 2020, 14:28
Ich lese zwar gerne Listen wie z.B. die vom "Guardian" mit den 100 angeblich besten Romanen des 21. Jahrhunderts und komme mir dann schlau vor, aber arrogant finde ich den Anspruch der Ersteller dieser Listen schon.
Das kommt für mich auch immer darauf an mit welchem Anspruch man das tut. Solche Listen können ja auch einfach dabei helfen neue Bücher (oder Filme, Spiele etc.) zu finden, die halbwegs erfolgreich waren oder ein gewisses Mindestniveau haben. Dann darf man sich auch schlau fühlen, wenn man viele der Einträge schon kennt. Ein wie auch immer ausgestalteter Anspruch auf Allgemeingültigkeit ist natürlich aus den besprochenen Gründen lächerlich.

Als ich die Frage im Fragenthread gelesen habe, musste ich ja schon grinsen, weil ich Jochens Rant noch im Ohr hatte. Glücklicherweise wurde die Frage dann auch ausgewählt. :D

Re: Folge 38: Eine Frage der Moral

Verfasst: Mi 19. Feb 2020, 16:43
von Nimlod
Ich hab mal irgendwann ne Liste von BBC oder irgendnem anderen englischen Medium gesehen, das in etwa hieß "Die 50 bedeutensten englischen Autoren" oder so ähnlich und dann war weder Tolkien noch Rowling dabei. Seitdem habe ich nie mehr solche Listen angeschaut. :D

Re: Folge 38: Eine Frage der Moral

Verfasst: Mi 19. Feb 2020, 17:07
von EchnaTron
Also für alle, die es noch nicht gegooglet haben, schiebe ich kurz an, dass der Plural von Kanon "Kanones" heißt. So, wäre das auch erledigt :-).

Was die Frage angeht, warum die im Feuilleton "langweilige" Bücher besprochen werden, kann ich natürlich einerseits sagen, dass dem natürlich nicht unbedingt so ist. Was dazu führt, dass das Problem, was Jochen anspricht natürlich in beide Richtungen läuft, wie Falko selbst auch schon angedeutet hat:

Denn ein beschränkter Horizont existiert ja in beiden Fällen: Entweder weil man einen Bogen um "Unterhaltungsliteratur" macht oder weil man denselben Bogen um "ernste Literatur" macht. Allgemein ist es wohl selten eine gute Idee, sich einfach prinzipiell einer Sache zu verweigern, weil man sich damit eben immer einschränkt und natürlich entgeht einem dann in jedem Fall viel Gutes, egal auf welcher "Seite" nun.

Dann gibt es da durchaus auch eine Perspektive, die neulich eine Kritikerin im TV eingenommen hat, die ich nachvollziehen kann: Warum lese ich populäre Bücher eher nicht? Weil ich mir denke: Warum auch noch ich? Soll heißen: Ein Roman von Sebastian Fitzek hat eine Besprechung im Feuilleton schlicht nicht nötig, egal ob er gut oder schlecht oder wichtig oder unwichtig ist. Der verkauft sich ohnehin wie geschnitten Brot und da braucht auch der geneigte Leser keine Einordnung, der weiß, was er bekommt. Dahinwogegen (um mal einen Rheinizismus einzufügen) ein Roman von Julia von Lucadou wohl kaum leicht ein Publikum fände, wenn er nicht an entsprechender Stelle besprochen würde. Da kann ich dann schon verstehen, wenn sich der Feuilletonist bzw. Kritiker denkt: Hey, dieser Roman scheint mir aus irgendeinem Grunde gut oder wichtig oder beides zu sein, wird aber von sich aus wahrscheinlich nicht sofort jeden anspringen, den sollte ich mal hervorheben.

Re: Folge 38: Eine Frage der Moral

Verfasst: Mi 19. Feb 2020, 20:40
von Lima
Danke für die interessante Folge.
Zum Thema Hörbücher: Ich persönlich höre sehr gerne Hörbücher, einfach um mal dabei die Augen zuzumachen. Man guckt ja sonst den ganzen Tag schon auf Bildschirme. Neben der Hausarbeit oder so zu hören, klappt bei mir aber weniger gut. Ich muss mich auf eine Sache konzentrieren. Allerdings habe ich festgestellt, dass sich nicht alle Bücher gleich gut zum Hören eignen. Bei komplizierter Handlung und sich häufenden schwierigen Namen wird es schon mal frustrierend.
Was Jack Ketchums Evil betrifft, da habe ich den Fehler gemacht, das als Hörbuch zu hören, gelesen von dem von mir sehr geschätzten Uve Teschner. Im Buch hätte ich nämlich die Chance gehabt, schneller zu lesen und das ganze Grauen hinter mich zu bringen. So war ich auf das Tempo des Sprechers angewiesen. Ich habe es an einem Wochenende durchgehört - nur tagsüber. Puh, es war echt heftig. Ich finde auch, es ist ein sehr, sehr guter Roman auf seine Weise - aber noch mal antun würde ich mir das nicht.
American Psycho hat mich, als ich es vor 20 Jahren oder so gelesen habe, schwer beeindruckt. Ich weiß nicht, ob das jetzt immer noch so wäre, wenn ich es zum ersten Mal läse. Aber für mich muss ein Charakter nicht unbedingt sympathisch sein, damit ich dem Buch mit Interesse folge. Wenn es dem Autor gelingt, sein spezifisches Leid überzeugend darzustellen, dann gelingt es mir durchaus, Empathie für ihn zu entwickeln.