Folge 9: Erhebung

Hier wird über die aktuelle Folge diskutiert. Und über alle anderen natürlich auch.
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falko
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Folge 9: Erhebung

Beitrag von falko » Di 11. Dez 2018, 06:34

Unser Gespräch über das neue King-Büchlein ist abrufbar:

http://www.buchpodcast.de/2018/12/10/folge-9-erhebung/
"Getting older is no problem. You just have to live long enough." - Groucho Marx

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fiorell
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Re: Folge 9: Erhebung

Beitrag von fiorell » Di 11. Dez 2018, 12:45

Super Folge mal wieder, und netterweise eine, in der ihr euch uneins seid, das fand ich sehr nett :)

Zur Frage Novelle <-> Roman:
Der Duden definiert Novelle so: "Erzählung kürzeren oder mittleren Umfangs, die von einem einzelnen Ereignis handelt und deren geradliniger Handlungsablauf auf ein Ziel hinführt"
Das finde ich sehr passend, und aus der Schule schwebte mir noch etwas wie "dreht sich um eine einzige, unerhörte Begebenheit" im Kopf herum, damit sehe ich Erhebung als Novelle...

Zur Bewertung:
Ich kann beide Seiten nach der Folge sehr gut nachvollziehen, stehe selber aber eher auf Jochens Seite und habe im "Was lest ihr gerade" Thread ja schon geschrieben, dass ich es mittelmäßig fand. Das Thema des Buches kurz zusammengefasst wäre für mich etwa: "Egal welche Umstände, es ist nicht schwierig kein Arschloch zu sein" - soweit so nett. Die ganze Geschichte um das lesbische Paar hat mich aber maßlos genervt - King versucht hier mit dem Holzhammer Toleranz und Offenheit zu predigen, und dennoch bleiben die beiden das absolut oberflächliche Abbild eines lesbischen Paares ohne dass sich je das Gefühl einstellt, dass King hier eine echte Beziehung beschreibt. Dann gewinnt die verbissene, ehrgeizige und leicht frustrierte Lesbe mit Reflexverteidigungshaltung gegen Männer™ den Stadtlauf und sofort liebt die homophobe Stadtbevölkerung ihr Diner. Hä? Was sagt denn das über Homophobie - sie verschwindet, wenn der homosexuelle Mensch von jemand Anderem bei einer guten Leistung unterstützt wird? Man hätte so viel Bedeutsames über Homophobie/Fremdenhass/Xenophobie sagen können. Diese Wunderheilung hier ist dabei mit Sicherheit nicht der Weisheit letzter Schluss. Schade.

Zum Ende schreibe ich hier mal nichts inhaltliches, denn Spoiler-Tags funktionieren nicht - oder ich bekomme es nicht hin. Finde es jedenfalls ganz fürchterlich, total dick aufgetragen und in seiner Symbolik völlig übertrieben.

Abgesehen davon mag ich aber viele Kleinigkeiten. Nicht zuletzt mag ich übrigens auch die wenigen Zeichnungen ganz gerne! Die Prämisse ist interessant und als Hommage an The Shrinking Man finde ich es in Teilen schon auch gelungen. Die Behandlung der Spaltung der amerikanischen Bevölkerung und das Thema Homophobie im ländlichen bzw kleinstädtischen Bereich ist spannend, wenn auch hier nur enttäuschend oberflächlich behandelt.

Besonders wundert mich insgesamt, dass King hier gerade am Charakter- und Beziehungsaspekt etwas schwächelt. Ich habe vor kurzem mit Es meinen ersten King begonnen, und dort ist genau das seine herausragende Stärke. Natürlich ist die Länge drastisch unterschiedlich, aber ich finde die Charaktere so brillant und glaubhaft und auf den Punkt geschrieben, dass ich erwartet hätte, King könne auch in einem vierzeiligen Gedicht noch zwei gute Charaktere mit Tiefgang entwerfen...

Insgesamt also nette Prämisse, gutes Thema, schwache Ausführung - für mich mittelmäßig, ich würde es weder weiter empfehlen noch ein zweites Mal lesen wollen. Trotzdem verstehe ich Falko nach den Ausführungen in der Folge auch, es hat einfach nur meinen Nerv nicht getroffen.

Freue mich wieder auf die nächste Folge!

Grüße,
Fiorell
Bin schwarz, aus Holz und stets verschlossen
Seitdem mit Stein sie mich beschossen
In mir ruh'n tausend trübe Linsen
Seitdem mein Haupt ging in die Binsen
Dagegen helfen keine Pillen:
Ich bin ein Schrank voll ungeputzter Brillen
-Walter Moers

Ironic Maiden
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Re: Folge 9: Erhebung

Beitrag von Ironic Maiden » Di 11. Dez 2018, 14:54

Ich habe "Elevation" nicht gelesen (und habe es nach der Besprechung auch nicht vor...), aber auf mich wirkte es wie eine wörtliche Umsetzung von Michelle Obamas "When they go low, we go high" - Slogans...
Vielleicht ist es tatsächlich ein Ausdruck des Zeitgeistes, eine naive, hoffnungsvolle Geschichte zu schreiben, in der einfach nur nett zu sein zu einem positiven Endergebnis führt, da dies ja momentan in der Realität momentan kaum passiert. Mir sind in letzter Zeit mehrfach Bücher untergekommen, die als wesentliches Plotelement Situationen hatten, in denen Konflikte nur durch Freundlichkeit und Empathie gelöst wurden. Und zwar nicht dadurch, wie das auch sonst in Texten der Fall ist, dass ein Kompromiss erreicht wurde, sondern einfach durch, dass Verständnis für den anderen gezeigt wurde, und man trotz der Differenzen zu einem zivilisierten Miteinander gelangte. Klar, das ist simpel, aber vielleicht ist es eine Art moralischer Eskapismus.

Nordhesse80
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Re: Folge 9: Erhebung

Beitrag von Nordhesse80 » Mi 12. Dez 2018, 07:52

Die Leseprobe war mir schon genug. Nichts daran war interessant genug um soviel Geld für sowenig Buch auszugeben.
Die Folge war aber wieder gut und gerade nachdem was ihr dazu zu sagen hattet, reicht mir das auch.
Mit dem Spoilerteil hab ich dann auch den Rest von dem Häppchen erfahren und mit dem Kauf wäre ich nicht glücklich geworden.

Haplo
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Re: Folge 9: Erhebung

Beitrag von Haplo » Mi 12. Dez 2018, 17:43

Ich hab das Buch bei audible gehört und da kommt noch eine zweite Geschichte (Lory) nach Elevation. Ist das nur in der Hörbuchfassung dabei oder warum wird das nirgends erwähnt?

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falko
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Re: Folge 9: Erhebung

Beitrag von falko » Mi 12. Dez 2018, 18:03

Haplo hat geschrieben:Ich hab das Buch bei audible gehört und da kommt noch eine zweite Geschichte (Lory) nach Elevation. Ist das nur in der Hörbuchfassung dabei oder warum wird das nirgends erwähnt?
Die dürfte nur in der Hörbuchfassung enthalten sein. Du meinst vermutlich "Laurie" - die hat King im Sommer gratis auf seiner Homepage veröffentlicht, im Vorfeld von "The Outsider":

https://stephenking.com/other/stephenking-laurie.pdf
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MeadowSleeper
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Re: Folge 9: Erhebung

Beitrag von MeadowSleeper » Mi 12. Dez 2018, 21:46

Ich fand das Buch auch sehr mau. Aber irgendwie geht es mir in den letzten Jahren (abgesehen vielleicht von den "Bill Hodges"-Romanen) mit allen King-Büchern so. Ich war zwar noch nie der allergrößte King-Fan, habe aber doch einige seiner Bücher gelesen und fühlte mich von Büchern wie Sie, Es, Friedhof der Kuscheltiere, The Stand, Shining sehr gut unterhalten. Für seine "Dunkle Turm"-Bücher werde ich ihm (trotz der doch schwankenden Qualität) für immer dankbar sein: Mit Roland habe ich in all den Jahren wirklich mitgefiebert.

Und dennoch ... in den letzten Jahren konnte mich kein einziges Buch mehr so ganz überzeugen. Wenn man es überspitzt, sind seine letzten Bücher einfach nicht anspruchsvoll genug um E-Literatur zu sein (was er ja laut eigenen Aussagen auch nie anstrebte), aber sie sind auch nicht mehr unterhaltsam genug, um wirklich gute Unterhaltungsliteratur zu sein.
Wie gesagt, das Leben muss noch vor dem Tode erledigt werden. (Erich Kästner)

Jochen
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Re: Folge 9: Erhebung

Beitrag von Jochen » Do 13. Dez 2018, 22:34

Ironic Maiden hat geschrieben:Mir sind in letzter Zeit mehrfach Bücher untergekommen, die als wesentliches Plotelement Situationen hatten, in denen Konflikte nur durch Freundlichkeit und Empathie gelöst wurden. Und zwar nicht dadurch, wie das auch sonst in Texten der Fall ist, dass ein Kompromiss erreicht wurde, sondern einfach durch, dass Verständnis für den anderen gezeigt wurde, und man trotz der Differenzen zu einem zivilisierten Miteinander gelangte. Klar, das ist simpel, aber vielleicht ist es eine Art moralischer Eskapismus.
Den Erklärungsansatz mag ich sehr - zumal in Bezug auf King, der in seinen nicht-fiktionalen Texten über viele Jahrzehnte hinweg immer seinen unerschütterlichen Optimismus und den Glauben an das Gute im Menschen betonte. Wenn dieses zutiefst humanistische Menschenbild durch aktuelle politische Entwicklungen ernsthafte Risse bekommt (und man vielleicht auch nicht unbedingt zugeben möchte, dass man sich möglicherweise sein gesamtes Leben lang geirrt hat), dann mögen solche Geschichten unter Umständen auch als Selbstbestätigung dienen: Und Nettsein reicht eben doch!

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Re: Folge 9: Erhebung

Beitrag von Haplo » Fr 14. Dez 2018, 09:49

falko hat geschrieben:... Du meinst vermutlich "Laurie" ...
Es ist immer etwas schwer, bei einem Hörbuch die korrekte Schreibweise eines Vornamens herauszuhören ;), aber das ist die Geschichte. Danke.

Ich bin übrigens klar auf der Seite "Leichtigkeit des Seins": Nicht tiefgründig, nicht immer subtil aber entwickelt beim Lesen den wunderbar typischen King-flow - wobei letzteres bei den wenigen Seiten eher kontraproduktiv ist, was das Preis-/Lesezeit-Verhältnis angeht ...

Ironic Maiden
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Re: Folge 9: Erhebung

Beitrag von Ironic Maiden » Fr 14. Dez 2018, 17:46

Jochen hat geschrieben: Den Erklärungsansatz mag ich sehr - zumal in Bezug auf King, der in seinen nicht-fiktionalen Texten über viele Jahrzehnte hinweg immer seinen unerschütterlichen Optimismus und den Glauben an das Gute im Menschen betonte. Wenn dieses zutiefst humanistische Menschenbild durch aktuelle politische Entwicklungen ernsthafte Risse bekommt (und man vielleicht auch nicht unbedingt zugeben möchte, dass man sich möglicherweise sein gesamtes Leben lang geirrt hat), dann mögen solche Geschichten unter Umständen auch als Selbstbestätigung dienen: Und Nettsein reicht eben doch!
Oder er ist mittlerweile so weit, dass Nettsein als Problemlösung plötzlich genauso phantastistisch geworden ist wie ein kinderfressendes Monstrum in Clownsgestalt, dass der Teufel einen Laden eröffnet, oder Vampire in Salem wohnen. Wenn die Realität so schlimm geworden ist, dass das woran man früher geglaubt hat ungewiss geworden ist, kann man es zumindest als Fiktion behalten. Dann ist es weniger Selbstbestätigung als vielmehr die endgültige Resignation.

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