Stephen King kann kein Ende

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Shenmi
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Re: Stephen King kann kein Ende

Beitrag von Shenmi » Do 3. Sep 2020, 07:55

A_Forest hat geschrieben:
Mi 2. Sep 2020, 16:45

Das habe ich nirgendwo herausgelesen. Der Unterbau ihrer Zivilisation stützt sich auf die Artus-Sage.
Ja, dass stimmt, die Sage um Arthur Eld, wie er in dieser Welt heißt, nimmt auch einen zentralen Platz ein und die Revolvermänner sind die Ritter der Tafelrunde etc. Das ist die Geschichte des Landes bzw. der inneren Baronien, aus denen Roland kommt und die offenbar die umliegenden Ländereien beherrschen bzw. die Staatsmacht darstellen.
Viele ihrer Sagen haben mehr oder weniger offensichtliche Bezüge, zu unserer Welt, denn Roland kennt ja z.B. auch die Geschichte vom "Jesus Menschen", der auch in seiner Welt eine Rolle spielt. Merlin gehört ebenfalls dazu und selbst die Schildkröte, "auf deren Rücken die Welt gemacht".
Ich habe mich vielleicht auch ein bisschen unpräzise ausgedrückt :
Der Turm ist meinem Verständnis nach immer dagewesen, weil eben alle Dinge dem Balken dienen, der/die zum Turm führen. Auch die Wächter und Portale sind meiner Erinnerung nach ein bekanntes Faktum in dieser Welt, die aber solange keine zentrale Rolle spielen, wie die Menschen dort mit ihrem Leben, den Kriegen, Intrigen, schlechten Ernten etc. beschäftigt sind. Man könnte darüber diskutieren, ob die Menschen dort wirklich an deren Existenz glaubten oder ob der Turm, die Balken, Wächter und alles was dazu gehört, einen ähnlichen Stellenwert hatten, wie die alten Legenden bei uns. Ob die Menschen wirklich daran glaubten, dass der Turm existiert oder ob er erst später, ausschließlich für Roland, von so immenser Bedeutung war, dass er sich später auf die Suche machte.
Ich habe das aber immer so verstanden, dass Roland sich nur deshalb auf den Weg gemacht hat, weil die Dinge in Schieflage geraten sind.
Das begann, mehr oder weniger, mit dem Auftauchen von John Farson, als Roland mit Cuthbert and Alain in Mejis gewesen ist, also in Band 4 "Glas".
Damals wurde Roland langsam aber sicher auf die Suche programmiert, die erst zu dem Zeitpunkt begann als seine Welt untergegangen war.
Nämlich nach der Schlacht am Jericho Hill -die auch wieder einen Bezug zu unserer Welt darstellt - wenn ich mich richtig erinnere.

Einen Aspekt haben wir auch noch gar nicht erwähnt, denn im Verlauf der Geschichte kommt ja noch dazu, dass der Turm in Gefahr ist, weil der scharlachrote König an den Balken "sägen" lässt, um den Turm einstürzen zu lassen.
Ab diesem Punkt ist seine Rettung ebenfalls ein zentrales Element von Rolands Tun und die Balken (Beben) waren für mich auch immer ein Beweis, für die Existenz des Turms. Wahrscheinlich sogar für Roland selbst, aber das kann ich nicht beweisen.
Auch Walter/der Mann in Schwarz spielt dabei eine Rolle, denn auch er hat Roland ja eindeutig in Richtung des Turms gezogen, auch wenn seine Gründe ganz andere waren. Bei dem habe ich immer das Gefühl gehabt, dass er nicht nur wollte das Roland scheitert, denn er hat ihm ja immer wieder auch geholfen, wenn auch oftmals auf sehr krude Art und Weise.

Es ist auch schon wieder ein bisschen her, dass ich die Bücher gelesen habe, vielleicht mache ich das demnächst nochmal.
Den Aspekt mit dem obersten Zimmer habe ich nur dunkel in Erinnerung, aber ja, damit wurde das Ziel konkretisiert. Aber ein Grund ist es immer noch nicht. Aus „Er will zum dunklen Turm“ wurde lediglich „Er will zum dunklen Turm und dort ins oberste Zimmer gelangen“.
Ich glaube Dein "Problem" ist, dass Du eindeutige Erklärungen möchtest, die selbst der Protagonist nicht hat und auch gar nicht haben kann.
So viel ich weiß, ist noch niemand zum Turm gelangt oder von dort zurückgekehrt, um zu berichten.
Er kann also nichts darüber wissen, als er sich auf den Weg macht und auch nicht während der Reise.
Und da kommen wir wieder zu meinem Hauptproblem: Rolands Motivation!
Er sucht den dunklen Turm und weiss nicht, was er sich davon verspricht. Niemand macht etwas ohne sich etwas zu erhoffen.
Meine Vermutung ist auch, wir reden aneinander vorbei, weil Du eine ganz andere Denkweise hast, als ich selbst:
Du brauchst/möchtest ein klares Ziel formuliert haben, auf das der Protagonist hinarbeitet und das logisch nachvollziehbar ist, weil man es hinterher klar bewerten kann.
Allerdings gibt es für mich mehrere Motivationen, die ich mehr oder weniger gut nachvollziehen kann:

1. Das oberste Zimmer betreten und nachschauen ob es leer ist. - Der philosophische Part, die große Sinnsuche, welche eigentlich gar keinen
Endpunkt braucht. Es lässt sich auch trefflich darüber streiten, wo ihr Anfang liegt.
Die Erkenntnis kann sich schon vorher einstellen, selbst jene, versagt zu haben. Aber spätestens im obersten Zimmer des Turms hofft Roland eine
allumfassende Antwort, ob es das alles wert gewesen ist. Die vielen Freunde die er geopfert hat, seine große Liebe, der Untergang seiner Welt
usw.
Und über allem schwebt immer die Gefahr des Scheiterns, weil Roland immer wieder zweifelt, ob der Turm existiert oder eben das oberste
Zimmer leer ist und er keine Antworten findet. Antworten auf alles, selbst auf Fragen die er selbst gar nicht richtig formulieren kann.

2. Für mich ist dabei auch die Ehrung der Ahnen/Weggefährten ein gewichtiger Punkt, dem ich sehr viel abgewinnen kann. Roland möchte ja die
Namen aller toten Freunde und der Familie ausrufen, bevor er den Turm betritt.
Das finde ich zum Beispiel persönlich sehr schön, weil es sehr asiatisch ist und die Gesichter unserer Ahnen ein wichtiges Erbe, dass nicht in
Vergessenheit geraten darf und geehrt werden muss.
Da spielt die Geschichte um seine Mutter auch mit rein. Ja, die Ereignisse wurden alle aufgeklärt, aber Roland zweifelt ob er richtig gehandelt
hat, Martens/Walthers Marionette war, wie viel sein Vater wusste usw. usw.
Die Abläufe mögen klar sein, aber nach meinem Verständnis hat Roland die emotionale Ebene immer verdrängt und erhofft sich auch hier Klarheit,
Wissen und, meinem Verständnis nach, auch Absolution.
Das ist nicht nur philosophisch sondern quasi religiös, findest Du nicht?

3. Die Rettung des Turms und der Balken, somit aller Welten, aller Existenzen,
Ich glaube dies symbolisiert den klassischen Kampf "Gut gegen Böse" und auch ein bissche "David gegen Goliath", denn schließlich ist Roland der
letzte verbliebene Streiter. Reizvoll finde ich hier, dass nicht nur seine Taten sehr ambivalent sind, sondern auch die Hilfsmittel derer er sich
bedient. Ich habe z.B, lange darüber sinniert, ob Merlins Kugeln - insbesondere Die schwarze Dreizehn - gut oder böse sind. Und wie verhielt es
sich mit ihrem Erschaffer, für den sie nicht mehr als Werkzeuge gewesen sein müssen? Ist die schwarze Dreizehn von Grund auf böse oder ist ihre
Macht nur zu groß, für den Unkundigen? Noch stärker drängt sich die Frage bei der rosa Kugel auf, die Gut und Böse ins Unglück stürzt.
Konnte Merlin selbst sie überhaupt vollständig kontrollieren oder wäre er dem Bösen ebenfalls erlegen?
Das gehört jetzt nicht zur Motivation, aber ich fand immer, hier steckt viel Philosophisches drin und ich würde viel darum geben,
King dazu befragen zu können.


Ich glaube aber Dein "Problem" ist ein anderes, und ich meine das nicht abwertend!
Du schreibst:
Ich bin selbst kein Freund von Philosophie, somit bin ich mit Deutungen auch nur sehr zurückhaltend. Für mich wiegt das was geschrieben steht mehr als das was ich darunter verstehen könnte.
Hier unterscheiden wir uns wohl, denn für mich sind das sehr starke Motive, auch gerade jene die nicht ganz greifbar sind.
Vielleicht sogar besonders die, denn hier kann ich das was nicht geschrieben steht, mit meinem eigenen Denken ausfüllen und Bezüge herstellen.
Allein die Ehrung der Ahnen bringt schon innere Saiten zum Klingen, weil ich in meinem Leben schon oft dazu aufgerufen wurde, diese zu ehren und nicht das Gesicht meiner Mutter/meines Vaters zu vergessen.
Und auch zur Religion hatte ich immer einen gewissen Bezug, auch wenn ich erst sehr spät dazu gefunden habe.
Das Mystische daran hat mich nämlich schon immer fasziniert und angezogen.
Als letzter Unterbau bleibt die Philosophie, die ich sehr verehre, weil sie mich zum Nachdenken anregt und sie mir neue Sichtweisen auf das Wesen aller Dinge liefert.

Ich glaube einfach, wir sind sehr unterschiedlich und könnten deshalb noch seitenweise diskutieren, ohne einen Konsens zu finden.
Aber das macht ja nichts, unterschiedliche Standpunkte sind ja sehr spannend und reizvoll. Meine Frau hält z.B. große Stücke auf die Philosophie, aber alles was mit Religion, oder den Ahnen zu tun hat, ist für sie Hokuspokus und wir "streiten" sehr leidenschaftlich darüber und lieben es sehr.
Es wäre ja auch sehr langweilig, wenn jeder Mensch das Gleiche denken würde. Und darum bedanke ich mich bei Dir, für die schöne Diskussion. :D

dersu
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Re: Stephen King kann kein Ende

Beitrag von dersu » Di 17. Nov 2020, 12:08

Es ist nicht das erste Mal, dass ich etwas Ähnliches über die Bücher von Stephen King höre. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass seine Geschichten einfach nicht für jeden geeignet sind.
Ich liebe Fantasy-Bücher, obwohl ich jetzt die Enola-Holmes-Reihe lese. :)

Pac-man
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Re: Stephen King kann kein Ende

Beitrag von Pac-man » Mo 23. Nov 2020, 15:01

Ich mag Stephen Kings Schreibstil. Der Mann kann einfach derart flüssig schreiben, dass die Seiten in der Regel nur so dahinfliegen ohne das man es merkt. Die Geschichten hingegen sind für mich Hit & Miss. Generell mag ich seine Geschichten um fantastische Wesen eher weniger. Die Bücher die er als Bachmann geschrieben hat gefallen mir dagegen sehr.

Ich kann mich nicht mehr an Alles erinnern was ich von ihm gelesen habe, aber Todesmarsch, Amok und Running Man hatten gute Enden. Bei IT hat mich im Grunde nur die Länge und der Blödsinn mit dem Kinder-Gangbang gestört. Green Mile ist größtenteils im Nebel der Erinnerung verschwunden, aber ich glaube es war ganz okay.

Vor kurzem habe ich The Stand angefangen und bei Seite 800-Irgendwas entnervt zur Seite gelegt. Die Prämisse klang interessant und dank Covid-19 auch sehr aktuell. Die ersten 400 Seiten habe ich geradezu verschlungen. Die wenig interessanten Figuren, der Plot der sich im Schneckentempo bewegt, die Richtung in die sich die Geschichte entwickelt hat (Stichwort fantastische Wesen) und die vielen Klischees haben mir allerdings das Weiterlesen mehr und mehr vermiest. Irgendwann musste ich mich Zwingen weiterzulesen und dafür war mir die Lebenszeit zu schade. Es ärgert mich immer ein Buch nicht zu Ende zu lesen, aber weitere 500-600 Seiten hätte ich das nicht durchgehalten. Wahrscheinlich war mein Fehler die erweiterte Fassung zu kaufen. King kann sich ohnehin schon nicht kurz fassen, aber die zusätzlichen Seiten haben mir letztendlich den Rest gegeben. Im Nachhinein ist es mir ein Rätsel warum das Buch so gute Bewertungen bekommen hat.

Insanity
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Re: Stephen King kann kein Ende

Beitrag von Insanity » Mi 25. Nov 2020, 06:51

Pac-man hat geschrieben:
Mo 23. Nov 2020, 15:01
Ich mag Stephen Kings Schreibstil. Der Mann kann einfach derart flüssig schreiben, dass die Seiten in der Regel nur so dahinfliegen ohne das man es merkt. Die Geschichten hingegen sind für mich Hit & Miss. Generell mag ich seine Geschichten um fantastische Wesen eher weniger. Die Bücher die er als Bachmann geschrieben hat gefallen mir dagegen sehr.

Ich kann mich nicht mehr an Alles erinnern was ich von ihm gelesen habe, aber Todesmarsch, Amok und Running Man hatten gute Enden. Bei IT hat mich im Grunde nur die Länge und der Blödsinn mit dem Kinder-Gangbang gestört. Green Mile ist größtenteils im Nebel der Erinnerung verschwunden, aber ich glaube es war ganz okay.

Vor kurzem habe ich The Stand angefangen und bei Seite 800-Irgendwas entnervt zur Seite gelegt. Die Prämisse klang interessant und dank Covid-19 auch sehr aktuell. Die ersten 400 Seiten habe ich geradezu verschlungen. Die wenig interessanten Figuren, der Plot der sich im Schneckentempo bewegt, die Richtung in die sich die Geschichte entwickelt hat (Stichwort fantastische Wesen) und die vielen Klischees haben mir allerdings das Weiterlesen mehr und mehr vermiest. Irgendwann musste ich mich Zwingen weiterzulesen und dafür war mir die Lebenszeit zu schade. Es ärgert mich immer ein Buch nicht zu Ende zu lesen, aber weitere 500-600 Seiten hätte ich das nicht durchgehalten. Wahrscheinlich war mein Fehler die erweiterte Fassung zu kaufen. King kann sich ohnehin schon nicht kurz fassen, aber die zusätzlichen Seiten haben mir letztendlich den Rest gegeben. Im Nachhinein ist es mir ein Rätsel warum das Buch so gute Bewertungen bekommen hat.
Mir hat The Stand auch überhaupt nichts gegeben und wir haben im Freundeskreis schon öfters darüber diskutiert, denn meine Kumpels lieben es alle. Am Ende ein klarer Fall von agree to disagree. Man kann nicht alles mögen. :)

Pac-man
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Re: Stephen King kann kein Ende

Beitrag von Pac-man » Mi 25. Nov 2020, 09:30

Insanity hat geschrieben:
Mi 25. Nov 2020, 06:51
Mir hat The Stand auch überhaupt nichts gegeben und wir haben im Freundeskreis schon öfters darüber diskutiert, denn meine Kumpels lieben es alle. Am Ende ein klarer Fall von agree to disagree. Man kann nicht alles mögen. :)
Und ich dachte schon ich bin der Einzige, der die Heilige Kuh nicht erkennt :lol:

Insanity
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Re: Stephen King kann kein Ende

Beitrag von Insanity » Mi 25. Nov 2020, 12:40

Pac-man hat geschrieben:
Mi 25. Nov 2020, 09:30
Insanity hat geschrieben:
Mi 25. Nov 2020, 06:51
Mir hat The Stand auch überhaupt nichts gegeben und wir haben im Freundeskreis schon öfters darüber diskutiert, denn meine Kumpels lieben es alle. Am Ende ein klarer Fall von agree to disagree. Man kann nicht alles mögen. :)
Und ich dachte schon ich bin der Einzige, der die Heilige Kuh nicht erkennt :lol:
Haha, wir sind in Wirklichkeit die WAHREN Connaisseure, das ist doch wohl klar!!!1elf!! :)

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