Was lest ihr gerade?

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Shenmi
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Re: Was lest ihr gerade?

Beitrag von Shenmi » Mi 31. Mär 2021, 11:44

Ich lese gerade "Klara und die Sonne" von Kazuo Ishiguro, der sich immer mehr zu einem meiner Lieblingsautoren mausert.
Es geht um die KI Klara, die als menschliche Begleiterin entwickelt wurde. Sie liefert einen spannenden Blick auf das Menschsein, in all seinen Facetten. Ishiguro ist ein wunderbarer Beobachter, der mich verzaubert und gleichermaßen zum weinen bringt. Auch wenn er meistens ein wenig schmeichelhaftes Bild der Menschheit zeichnet, ist er doch gefühlvoll und nicht nur pessimistisch.

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derFuchsi
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Re: Was lest ihr gerade?

Beitrag von derFuchsi » Mi 31. Mär 2021, 18:04

Gerade die ersten zwei Hörbücher zur Trisolaris gehört. Schon ein interessantes Thema aber irgendwie sehr langatmig erzählt. Hörbuch hat ja den Vorteil dass man es beim Autofahren oder irgendwas anspruchsloses (Cities Skylines / ETS2 oder so) daddeln hören kann. Ich weiß nicht ob ich es in Buchform durchgehalten hätte. Könnte schon etwas straffer sein die Handlung, die 2 Bücher bisher hätte man auch fast in eins packen können. Der Anfang mit der Kulturrevolution und all das ist schon harter Tobak und man versteht warum die Protagonistin denkt wie sie denkt. Beim Abschnitt mit dem "Tropfen" im zweiten Buch ist es endlich wieder richtig spannend und ein paar krasse Szenen wie am Anfang gibts endlich auch wieder. Dazwischen plätscherte es aber irgendwie nur so dahin bisher.
Ich habs nicht so mit Namen merken und Chinesisch hilft da erst recht nicht weiter. Ich kann die ganzen Yang Dung und Mei Lings immerhin am Kontext unterscheiden :). Ich habe mir bei der Folge damals den Spoiler angehört weil ich nicht wusste ob ich mir das antue und kenne schon die Auflösung. Evtl wärs ohne Spoiler noch etwas spannender für mich. Aber die Idee mit den Wandschauern, die Reaktion und Entwicklung der Menschheit in all der Zeit bis zum Showdown etc. ist durchaus interessant genug geschildert um es fertig zu hören aber ich finde es insgesamt schon etwas schwafelig.
Jetzt steht noch der dritte Band an.

Devilj
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Re: Was lest ihr gerade?

Beitrag von Devilj » Mi 14. Apr 2021, 09:51

Ich habe gestern die "Meisterin"-Reihe von Markus Heitz beendet. Ein schönes Buch abends mit ein bisschen Hintergrundwissen zu Scharfrichtern in Europa.
Hat Spaß gemacht!

Ironic Maiden
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Re: Was lest ihr gerade?

Beitrag von Ironic Maiden » Mi 14. Apr 2021, 13:04

Ich lese gerade zum ersten Mal seit meiner Teenagerzeit wieder Neuromancer von William Gibson, also einen der Romane, die das Cyberpunk-Genre erfunden haben. Ich bin sehr begeistert.

Ich hatte das Buch von meiner ersten Begegnung damals, Ende der 90er, als sehr sperrig und schwer verständlich in Erinnerung und das ist es auch immer noch. Es wird nichts erklärt, sondern die Leser*innen werden einfach in eine Welt voller technischer und sozialer Konzepte geworfen und müssen selbst ihren Weg durch diesen Dschungel finden. Das ist heute natürlich viel einfacher, da Erscheinungen wie KIs, digital gespeicherte Erinnerungen, Enklaven der Oberschicht in der Erdumlaufbahn usw. uns heute aus zig neueren Büchern, Filmen und Spielen vertraut sind. Als das Buch 1984 erschienen ist, kann ich mir vorstellen, dass sehr viele Leser folgende Reaktion hatten: "Äh. :? :?: " Und das Buch dann weggelegt haben.

Aus heutiger Sicht ist es ein Text, der wahnsinnig schnell erzählt wird, es gibt eigentlich kaum einleitende oder einführende Passagen, sondern man wird in vielen kurzen Abschnitten immer mitten in die nächste Szene geworfen. Der Plot ist spannend, eigentlich ein klassischer Heist, und die Dialoge sind teilweise erstaunlich witzig.

Natürlich gibt es auch einzelne Aspekte, die sehr deutlich machen, dass es ein Text über die Zukunft aus Sicht der 80er ist. Handys gibt es nicht, die Welt des Cyberspace ist seltsam abgekoppelt von der Wirklichkeit, anstatt wie heute immer mehr in sie einzubluten und die Grenzen zu verwischen. Die Geschlechterrollen sind teilweise etwas zum Augenrollen, allerdings erheblich weniger als ich erwartet hatte und längst nicht so dumm und schmerzhaft sexistisch wie in vielen moderneren Varianten des Genres. (Ja, ich meine zum Beispiel dich, "Bladerunner 2049", du Arsch...) Außerdem darf man in der Zukunft überall rauchen.

Insgesamt kann ich allen, die das Buch vielleicht mal angefangen und weggelegt oder es noch nie gelesen haben, empfehlen, sich den Text mal anzuschauen. Ich freue mich, ein Buch gefunden zu haben, das nicht nur schlau ist, sondern auch mich als Leser*in für intelligent hält.

Maxileen
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Re: Was lest ihr gerade?

Beitrag von Maxileen » Mi 2. Jun 2021, 09:54

Ich lese gerade tatsächlich "Über Menschen" von Juli Zeh (bzw. bin gerade durch mit dem Buch, die 400 Seiten lesen sich auch flott). Das ist glaube ich das erste Mal, dass ich ein im Podcast besprochenes bzw. zu besprechendes Buch gelesen habe, bevor die Folge dazu erschienen ist. Und ich bin schon sehr gespannt drauf, was die Podcaster dazu zu sagen haben - vor allem, weil die Hündin (!) der Protagonistin Jochen heißt. :lol:

Ich fand den Roman insgesamt recht gut, auch wenn ich mich des Gefühls nicht erwehren konnte, dass die Autorin sich sagte: "Unterleuten war so erfolgreich, dann verwende ich die Formel Großstadtmensch zieht in die Brandenburger Pampa, einfach noch mal." Im Gegensatz zu "Unterleuten" setzt der Roman den Fokus jedoch auf eine einzige Protagonistin namens Dora, was ihm gut tut, denn deren Charakterisierung finde ich wirklich schlüssig und fast rundum gelungen. Man erfährt einiges aus Doras Vergangenheit, vom jüngst verlassenen Klimaaktivistenfreund bis hin zum Verhältnis zu den Eltern in Kindertagen und kann ihr Verhalten und ihre Zweifel und Sorgen im Bezug auf ihre neue Umgebung (und vor allem ihren Nazinachbarn) dadurch besser nachvollziehen.

Was mir weniger gut gefallen hat ist, dass alle - und zwar ausnahmslos alle - Nebenfiguren spleenig und fast wie Karikaturen ihrer selbst wirken. Natürlich kann dies daran liegen, dass die gesamte Geschichte aus Doras Perspektive (wenn auch in der dritten Person) erzählt wird und die Beschreibungen der Dorfbewohner allein aus ihrer (natürlich stark wertenden) Sicht erfolgen, aber fast alles, was die Leute in Doras Umgebung tun und sagen, wirkt überzeichnet und schräg. Wobhei ich einfach mal vermute, dass das Absicht ist, so konsequent, wie das durchgezogen wird.

Dennoch, insgesamt hat mich der Roman sehr gut unterhalten und ich habe den Kauf nicht bereut.

Ironic Maiden
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Re: Was lest ihr gerade?

Beitrag von Ironic Maiden » Mi 9. Jun 2021, 16:42

Ich lese gerade The Blade Between von Sam J. Miller. Ich bin erst 15 Prozent weit, aber es werden schon seeehr viele Themenkomplexe aufgemacht.

Die Geschichte wird bisher abwechselnd aus zwei verschiedenen Perspektiven erzählt. Der eine Protagonist ist Ronan, ein Fotograph aus New York, der nach zwanzig Jahren in seine Heimatstadt Hudson zurückkehrt. Die Gründe dafür sind ihm selbst nicht ganz klar, aber da er sich auf seinen Meth-Entzug konzentrieren muss und sein Vater schwer krank ist, scheint die Rückkehr zunächst keine ganz dumme Idee zu sein. Der andere Protagonist ist Dom, Ronans Exfreund, der in Hudson geblieben ist und Polizist wurde. Hudson, der Schauplatz, ist ein runtergekommenes Nest mit einer glorreichen Vergangenheit als Ort, an dem Wale verarbeitet wurden und Hafenbecken und Umland sind angeblich immer noch voll mit den weggeworfenen Knochen der getöteten Wale. Heute ist die Stadt geprägt von Armut und Drogenproblemen, während gleichzeitig Massen von New Yorker Hipstern zuströmen, die durch die niedrigen Preise angelockt werden und nun nach und nach die Einheimischen verdrängen.

Im Moment finde ich das Buch sehr faszinierend, da in den beiden verschiedenen Erzählsträngen ständig Diskrepanzen auftreten. So hören Ronan und Dom jeweils zeitgleich die gleiche Sendung im Radio, aber in beiden Erzählungen werden unterschiedliche Songs gespielt. Ronan sieht immer wieder einen Bekannten, über den wir durch Doms Berichte wissen, dass er tot ist, usw. Das Resultat dieser Erzählweise erinnert ein wenig an ein leicht verstörendes "Finde-den-Fehler"-Suchbild.

Ich mache mir einige Sorgen, dass das Buch etwas zu viel will, denn es gibt wahnsinnig viele Themen, z.B. Gentrifizierung, die Opioidkrise, die Geister der getöteten Wale, persönliche Beziehungen und Gewalt und Hass gegen Homosexuelle. Ob das Ganze dann am Ende zu einem guten Gesamtbild wird, bezweifele ich momentan noch, aber gerade jetzt macht das Lesen noch Spaß.

Überhaupt merke ich an diesem Buch, wie gerne ich im Moment queeren (mangels eines besseren Wortes) Horror lese. Vor "The Blade Between" hatte ich "Plain Bad Heroines"von Emily M. Danforth gelesen, dessen Protagonistinnen lesbisch bzw. bisexuell sind, und im letzten Jahr hatte ich mit den Horrorromanen von Sarah Waters viel Freude. Ich finde es einfach so angenehm, eine Abwechslung zu den vielen Romanen aus der Perspektive von männlichen cis-hetero Autoren zu haben. Nicht, weil diese Autoren allesamt so eine Macho-Schreibe draufhätten, überhaupt nicht, aber es gibt zumindest aus meiner Perspektive schon Unterschiede in den Darstellungen.

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