Stephen King kann kein Ende

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A_Forest
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Stephen King kann kein Ende

Beitrag von A_Forest » Do 20. Aug 2020, 04:30

Obwohl meine Stephen King Phase ebenfalls schon ein paar Jahrzehnte zurück liegt, so begleitete mich immer dieser Grundgedanke:

Stephen King kann keine befriedigenden Enden schreiben.

Obwohl ich ihn immer als Autor schätzte, so fand ich bei seinen Romanen immer dies den größten Makel. Anstatt die Ereignisse im Laufe des Buches konsequent fortzuführen, bricht er ständig aus und lässt eine unerklärbare Macht auftreten, die letzten Endes das Üble besiegt. Die Handlungen und Vorbereitungen der Charaktere spielen bei seinen finalen Konflikten niemals eine Rolle.

The Stand - egal wie Larry, Stu, Glen und Ralph vorhatten, dem "Bösen" gegenüber zu treten, es spielt keine Rolle. Eine übersinnliche Macht greift ein und besiegt das Böse. Genauso bei Needful Things. Und vom Ende seiner "Der dunkle Turm"-Saga wollen wir gar nicht sprechen.

Es gibt nur sehr wenige Romane/Geschichten, welche tatsächlich das Gefühl hinterlassen, daß hier eine rundum durchdachte Geschichte geschaffen wurde. Es erscheint mir eher so, daß King am Anfang so begeistert vom Prozess des Schaffens ist, daß er schreibt und schreibt ohne einen Plan zu haben, wie er die Geschichte abschliessen möchte.

Und grundsätzlich ist das ja nichts schlechtes: wenn es jemand versteht, eine Stimmung aufzubauen und interessante Charaktere zu basteln, so ist es sicher King.
Nur kommt ab der Hälfte seiner Geschichten immer der Punkt, an dem man deutlich merken kann, daß er nun vor einem Problem steht: er hat keine Ahnung, wohin die Geschichte weiter gehen soll. Also stapft er tapfer weiter auf den Endkampf zu und wenn dieser da ist, so kommt den Protagonisten eine überirdische Macht zu Hilfe.

Lichtstrahlen schiessen ihnen aus den Augen und verbrennen das Monster (klar, passiert mir täglich!).
Oder eine mystische Energiekugel zündet einen Sprengkörper.
Oder plötzlich wird der schon besiegte Held von einem helfenden Geist erfasst, der ihm wieder Kraft verleiht und so streckt er doch noch das Monster nieder.

So manch einer mag vielleicht genau diesen Aspekt an Kings Geschichten, doch für mich ist es billig. Auch wenn sich Kings Geschichten im Reich der Phantasik bewegen, so würde ihnen ein bodenständiges Ende gut tun. Zum Beispiel, daß der Plan der Protagnosisten tatsächlich aufgeht, eben weil sie sich vorbereiteten und ihre Handlungen zu einem erfolgreichen Ende führten.

Und nicht weil sie trotz ihrer Bemühungen am Ende immer scheitern und nur durch einen helfenden Geist gerettet werden.

Das ist eben mein großer Kritikpunkt am guten Herrn King: Anfang gut bis sehr gut, Mittelteil spannend und interessant, das Ende - kann man sich eigentlich sparen. :(

Insanity
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Re: Stephen King kann kein Ende

Beitrag von Insanity » Fr 21. Aug 2020, 14:20

Teilweise weiß King ja auch um diesen Aspekt. Vor dem letzten Dunklen Turm-Kapitel kommt ja sogar die Warnung des Wörterschmieds, dass wir das Ende nicht mögen werden, aber ja doch der Weg das Ziel sei. (Oder so ähnlich zumindest, ich habe es lange nicht mehr gelesen.)

Ich versuche gerade, mich zu erinnern, welche Enden mir zumindest nicht negativ im Gedächtnis geblieben sind von seinen vielen Romanen - natürlich ohne Gewähr, bei manchen ist ewig her, dass ich sie gelesen habe. Kurzgeschichten lasse ich mal weg, Bachman zähle ich hinzu.

- Friedhof der Kuscheltier (Ein fantastisches Ende im übrigen, finde ich.)
- Sie - Misery
- Sprengstoff
- Todesmarsch
- Die Augen des Drachen
- Cujo
- Shining
- Carrie
- Feuerkind
- Dead Zone - Das Attentat
- Langoliers
- Das Spiel
- Die Arena

Ich würde die These von daher nicht komplett mitgehen, stimme aber zu, dass die alten King-Romane scheinbar häufiger befriedigendere Enden hatten als die jüngeren, zumindest aus meiner Erinnerung heraus.

Aber sind gute Enden nicht generell ein Problem in der (fantastischen) Literatur? :)
Zuletzt geändert von Insanity am So 23. Aug 2020, 19:21, insgesamt 1-mal geändert.

Ironic Maiden
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Re: Stephen King kann kein Ende

Beitrag von Ironic Maiden » So 23. Aug 2020, 12:19

Dass man King-Romane eher trotz als wegen der Enden liest, ist ja ein allgemein anerkanntes Phänomen. Ich glaube aber nicht wirklich, dass er sich da groß von vielen anderen Autoren unterscheidet. Es kommt wirklich selten vor, dass ich vom Ende eines Roman wirklich begeistert wäre. Enden sind einfach generell enttäuschend, weil das Ende alle anderen denkbaren Möglichkeiten abschneidet und definiert und damit vieles von dem, was man sich vorher gedacht oder gewünscht hat, wegfällt. Das Ende legt ja nicht nur fest, was passiert, sondern auch was nicht passiert und ich bin dann oft etwas deprimiert, weil ich mit noch so viele andere interessante Alternativen denken könnte.
Ausnahmen sind da vielleicht Genres, die zwangsläufig vom Ende her gedacht und geschrieben werden müssen, wie Whodunnit-Krimis (der Täter wird enttarnt) oder Romanzen (sie kriegen sich und leben glücklich bis an ihr Ende). Und die großen Genres Fantasy, Science Fiction und Horror leben eben von der Vielzahl an Möglichkeiten, dem Unvorhersagbaren und der Erweiterung der langweiligen Welt um zusätzliche Optionen. All das nimmt das Ende dann weg.
(Dass man sich bei King so oft an den Enden aufhängt, kann natürlich auch daran liegen, dass Anfang und Mittelteil so gut sind, dass ein dummes oder ungeschicktes Ende mehr auffällt als bei Horrorschrott XY.)

Shenmi
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Re: Stephen King kann kein Ende

Beitrag von Shenmi » Fr 28. Aug 2020, 12:42

Insanity hat geschrieben:
Fr 21. Aug 2020, 14:20
Teilweise weiß King ja auch um diesen Aspekt. Vor dem letzten Dunklen Turm-Kapitel kommt ja sogar die Warnung des Wörterschmieds, dass wir das Ende nicht mögen werden, aber ja doch der Weg das Ziel sei. (Oder so ähnlich zumindest, ich habe es lange nicht mehr gelesen.)
Ich fand gerade das Ende des Turms richtig gelungen und wäre sehr enttäuscht gewesen, wenn der Teil vor der Warnung auch das tatsächliche Ende markiert hätte.
Die Idee mag jetzt nicht unfassbar neu oder überraschend sein, passt aber wie die Faust auf's Auge, vor allem auch zu der tragischen Figur des Roland.
Da gibt's ganz andere Beispiele, man erinnere sich an Game of Thrones.
Martin rudert ja bereits zurück, weil die Fans sauer sind und er offenbar zu feige war, eine klare Entscheidung zu treffen.
Das am Ende das Gute ja doch irgendwie obsiegt und jeder von den Helden ein bisschen bekommt was er möchte, karrikiert die gesamte Roman Reihe. Jedenfalls aus meiner Sicht.

Davon abgesehen nehme ich King seine Enden aus irgendeinem unerfindlichen Grund nicht übel, obwohl ich sonst sehr darauf achte.
In seinen guten Romanen hat er mir tatsächlich "unterwegs" so viel gegeben, dass ich darüber hinwegsehen kann.
Bei anderen Autoren fällt mir das weniger leicht und ich finde allgemein, die meisten Enden enttäuschend, unbefriedigend, unpassend, langweilig....

Wie toll ein guter Schlusspunkt - und ein gutes Prequel - sein kann hat mir dagegen zuletzt Suzanne Collins mit "Tribute von Panem X" aufgezeigt.
Ich hatte noch Anfang des letzten Kapitels keine Ahnung, wie sie das abschließen möchte und den jungen Präsident Snow, den ich sogar richtig mochte, auf den Pfad des Bösen führen würde.
Oh, wie bin ich ihr auf den Leim gegangen und mit dem letzten Satz hat sie mir nochmal richtig einen mitgegeben und den gesamten Roman aufgewertet.
Das hätte ich so gar nicht erwartet, dass Buch hat mir richtig gut gefallen!

Insanity
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Re: Stephen King kann kein Ende

Beitrag von Insanity » Sa 29. Aug 2020, 16:31

Oh, ich persönlich fand das Ende des Dunklen Turms auch nicht gerade völlig scheiße, um es mit einem The Pod-Terminus zu sagen; der ursprüngliche Thread-Ersteller aber scheinbar ja schon. Es war aber natürlich auch kein Schluss, der dem Zyklus in irgend einer Form noch eine Krone aufgesetzt hätte, aber zumindest gibt das Ende Roland (und dem Leser) einen kleinen Silberstreif Hoffnung in Form des Horns mit auf den Weg, auch wenn sich mir nie erschlossen hat, warum oder für welche Tat er dieses eigentlich deus ex machina-mäßig am Schluss erhält. :)

Tribute von Panem - ich wollte es ja eigentlich schon allein aus Prinzip nicht lesen, weil es in Hollywood so gehyped wurde. (Jochen würde das sicherlich verstehen. ;) ) Aber wenn du das jetzt so schreibst... Lohnt sich das denn am Ende (Haha!) doch?

A_Forest
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Re: Stephen King kann kein Ende

Beitrag von A_Forest » So 30. Aug 2020, 18:30

Also erstmal Danke an Insantiy für den wichtigen Hinweis: ja, solange in einer Geschichte kein personifizierter, übersinnlicher Antagonist vorkommt, kann diese tatsächlich ein passendes Ende haben. Dem stimme ich auf alle Fälle zu!

- Amok
und
- The Green Mile

würde ich der Liste hinzufügen.

Da der dunkle Turm aber dennoch mehrmals angesprochen wurde, möchte ich doch etwas dazu sagen.
Der Gedanke der "ewigen Wiederkehr" ist nichts Neues und eine Geschichte damit "enden" zu lassen ist ein Eingeständnis, daß man eben keine Ahnung hat, wie man sie zu einem Ende bringen soll.
Und das ist einfach nur ein billiger Ausweg. Auch nachgeschobene Erklärungen wie "der Weg ist das Ziel" täuschen nunmal nicht darüber nicht hinweg.

Dabei ist das Ende in diesem Fall aber nicht wirklich schlimm. Schliesslich verlor sich die Serie ohnehin bereits nach der Hälfte und wurde von Roman zu Roman schlimmer. Erinnert so ein bisschen an die Serie "Lost". Da hatte man auch keine Ahnung, wie die Geschichte enden soll und hat eben irgendwas hingepfuscht.
Die Fans haben das nie verziehen.
Aber King verzeiht man das nicht nur, man verteidigt diese Vorgehensweise sogar. Ich frage mich, welche anderen Schriftsteller sich das leisten könnten ohne daß ihr Ruf dauerhaft Schaden nimmt.

Was sicherlich vielen Fans genauso ging war die Enttäuschung. King baute eine faszinierende Endzeitwelt auf, lies seine Figuren darin agieren und schliesslich schickte er sie zum größten Teil wieder zurück in unsere Welt. Und brach damit vollkommen mit dem Stil, den er zuvor etabliert hatte.

Aber genug mit dem King-Bashing: daß er über Jahrzehnte daran schrieb und vielleicht einfach nur diese Reihe zu einem Ende bringen wollte, kann ich durchaus verstehen.
Ebenso muss man berücksichtigen, daß der Autor, der die Serie nach langer Pause weiterschrieb und beendete nicht mehr derselbe war, der seinen Helden damals auf die Reise schickte.
Vielleicht wollte er einfach nur seinen Fans ein Ende schenken bevor es zu spät ist. Es einfach abschliessen und dann ists aber auch gut.

Ich bin also Stephen King nicht böse, daß er es - in meinen Augen - nicht geschafft hat hier ein rundes, stimmiges Epos zu schreiben. Wie gesagt, in Anbetracht der langen Zeitspanne ist das mehr als verständlich!

Zu der Reihe selbst jedoch muss ich jedem, der sie noch lesen will, empfehlen: Hör nach dem vierten Band auf!
Wenn es sein muss, lies noch den fünften, aber dann Stop.
Es sei denn, du willst unbedingt lesen wir eine der faszinierensten Fantasy-/Endzeitwelten der Neuzeit konsequent ins Klo gespült wird.

Shenmi
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Re: Stephen King kann kein Ende

Beitrag von Shenmi » Mo 31. Aug 2020, 15:55

A_Forest hat geschrieben:
So 30. Aug 2020, 18:30

Der Gedanke der "ewigen Wiederkehr" ist nichts Neues und eine Geschichte damit "enden" zu lassen ist ein Eingeständnis, daß man eben keine Ahnung hat, wie man sie zu einem Ende bringen soll.
Ich finde Deine Gedanken sehr interessant, auch wen ich komplett anderer Meinung bin. Vielleicht kann man ihm dasselbe vorwerfen, wie George Martin - ausgehend vom Ende der Serie - das er es auch allen recht machen wollte.
Obwohl ich das komplett anders sehe, ließe sich das diskutieren.
In anderen Fällen hätte ich das auch kritisiert, aber hier passt es einfach zum uralten Revolverhelden, der halb tot durch immer dieselbe Geschichte reist, Freunde gewinnt, verliert und dazu verdammt ist, alles immer zu wiederholen.
Obwohl das ja auch nicht stimmt, denn er kann sich verändern und den Lauf der Dinge auch, wenn er nur genau hinsieht und mal einen Millimeter von seinen Prinzipien abweicht, sein Herz öffnet etc.
Ich mag das Ende, weil Roland eben Roland ist und ich finde, dass ist ein verdammt guter Grund.

Aber:
Und das ist einfach nur ein billiger Ausweg. Auch nachgeschobene Erklärungen wie "der Weg ist das Ziel" täuschen nunmal nicht darüber nicht hinweg.
Das kann ich so nicht stehen lassen, denn für mich ist diese Turm Saga etwas ganz persönliches. Zunächst mal hat sie mich zur Fantasy hingeführt, die in meinen Vorstellungen nur in Form von Herr der Ringe existierte, wo alle entweder ganz ganz gut und edel sind, oder eben ganz böse.
Das langweilte mich und außerdem habe ich immer große Probleme, Geschöpfe wie Ork und Elfen ernst zu nehmen, oder auch nur Zauberer.
Bei mir ist das ein ganz schmaler Grat und letztlich ist King dafür verantwortlich, dass ich Abercrombie und Rothfuss und Martin gelesen habe.
Dazu kommt noch, dass King es sogar geschafft hat, seine Kunstbegriffe in meinen Sprachgebebrauch einzubringen, was sonst nur wenige Werke schaffen.
Meine Frau und ich reden zum Beispiel oft vom "gelben Backsteinweg", der kommt auch in unseren Gedichten vor, oder den kleinen und größeren Liebesbekundungen.
Genauso halten wir es mit der "Gunna", dem "Belegten" oder dem "Can'-Ka No Rey", dass wir immer wieder mal in unser Geplänkel einbaue.
Mehr "Weg ist das Ziel" geht doch gar nicht und da haben wir noch nicht mal über den Umstand gesprochen, dass ich mich danach auch mit Merlin befasst habe, einfach weil mir die Idee mit den Kugeln so gut gefallen hat.
Dabei ist das Ende in diesem Fall aber nicht wirklich schlimm. Schliesslich verlor sich die Serie ohnehin bereits nach der Hälfte und wurde von Roman zu Roman schlimmer. Erinnert so ein bisschen an die Serie "Lost". Da hatte man auch keine Ahnung, wie die Geschichte enden soll und hat eben irgendwas hingepfuscht.
Die Fans haben das nie verziehen.
Aber King verzeiht man das nicht nur, man verteidigt diese Vorgehensweise sogar. Ich frage mich, welche anderen Schriftsteller sich das leisten könnten ohne daß ihr Ruf dauerhaft Schaden nimmt.
Weil andere LeserInnen es vielleicht anders sehen. Ich mag auch nicht alle Romane gleich gerne, finde es aber genau anders herum, wie es Du es hier beschreibst. Die ersten 2(.5) Romane sind ziemlich holprig, danach wird es immer besser. Am meisten liebe ich "Glas", den Band habe ich schon etliche Male gelesen und finde, es ist eines der besten Geschichten, die King je erzählt hat.
Da ist alles drin: Liebe, Romanze, Coming of Age, Zauberei, Heldetum, Bösewichte... Es ist so toll!
Wenn ich schon King kritisieren müsste, dann eher für solchen Schrott wie "Dreamcatcher".

Auf den Turm lasse ich nichts kommen, wiewohl ich andere Meinungen natürlich respektiere und auch gern darüber diskutiere. :)
Danke für Deine Überlegungen und einen schönen Tag.

A_Forest
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Re: Stephen King kann kein Ende

Beitrag von A_Forest » Mo 31. Aug 2020, 19:55

Shenmi hat geschrieben:
Mo 31. Aug 2020, 15:55
Mehr "Weg ist das Ziel" geht doch gar nicht und da haben wir noch nicht mal über den Umstand gesprochen, dass ich mich danach auch mit Merlin befasst habe, einfach weil mir die Idee mit den Kugeln so gut gefallen hat.
Vermutlich war "Weg ist das Ziel" auch tatsächlich das was King mit dieser Geschichte geschaffen hat: einen Weg. Denn Sinn sucht man in diesem Werk vergeblich. Das beginn - leider - bereits im ersten Roman, in welchem der sich letzte seiner Art auf eine Mission begibt und nicht mal weiss, was er genau damit bezwecken will. Denn das ist kein Geheimnis: Roland sucht den dunklen Turm - hat aber keine Ahnung was er damit machen soll, wenn er ihn dann findet.
Das ist zwar schwammig und als Motivation wenig glaubwürdig, aber das kann man dennoch so stehen lassen, ohne daß einem die Freude am Lesen abhanden kommt! Denn - und da würde ich dir keinesfalls widersprechen - die Welt ist faszinierend. Auch wenn ich sie nicht als "Fantasy" bezeichnen würde. Dieses Genre hat doch so ein paar Eckpfeiler, welche in Kings Mittwelt kaum oder gar keine Rolle spielen.
Umso trauriger und enttäuschender fand ich es, daß er nach der Hälfte der Serie diese Welt immer mehr und mehr vernachlässigte und sich der bekannten Realität zuwandte. Obwohl er immer noch Teile der Handlung in Midwelt spielen liess, so dominierte in meinem Empfinden doch New York in verschiedensten Zeiten die Handlung und unterbrach jedes Mal wieder den Flow der Endzeitwelt.
Shenmi hat geschrieben:
Mo 31. Aug 2020, 15:55
Weil andere LeserInnen es vielleicht anders sehen.
Bestimmt. Und ich möchte niemandem sein Empfinden dieser Serie absprechen oder schlecht reden. Ich gehöre eben nur zu jener Gruppierung, welche sich gewünscht hätten, daß er das Versprechen, welches er aufbaute zumindest teilweise eingelöst hätte. Und meines Empfinden nach hat er das noch nichtmal im Ansatz...
Shenmi hat geschrieben:
Mo 31. Aug 2020, 15:55
Die ersten 2(.5) Romane sind ziemlich holprig, danach wird es immer besser. Am meisten liebe ich "Glas", den Band habe ich schon etliche Male gelesen und finde, es ist eines der besten Geschichten, die King je erzählt hat.
Da ist alles drin: Liebe, Romanze, Coming of Age, Zauberei, Heldetum, Bösewichte... Es ist so toll!
Für mich war und ist immer noch der erste Band der faszinierenste, zumal er sprachlich sehr talentiert die Welt aufbaut, in welcher er seine Protagonisten in den Folgebänden reisen lässt.
Und "Glas" war für mich ebenfalls ein großartiger Roman, da er mehr Einblicke in die Vergangenheit der Revolvermänner bot. Das ist eines der Mysterien, welches King aufbaut, aber nur selten davon erzählt.

(Aber: zumindest Peter David hat dies meisterlich geschrieben! Wenn du die Welt des Dunklen Tumes magst, so kann ich dir nur die Comicserie von ihm empfehlen! Was King über Rolands Jugend erzählte und alles was danach geschah - inklusive dem Fall Gileads - wird dort so kunstfertig geschildert, daß es einfach nur herrlich ist.)
Shenmi hat geschrieben:
Mo 31. Aug 2020, 15:55
Auf den Turm lasse ich nichts kommen, wiewohl ich andere Meinungen natürlich respektiere und auch gern darüber diskutiere. :)
Darum wähle ich - trotz harter Kritik - auch meine Wort dennoch vorsichtig um niemanden zu beleidigen. Es ist leicht über offensichtlichen Mist hinweg zu sehen. Aber wenn man mit etwas konfrontiert wird, daß tatsächlich Potential hat und danach für einen eben nicht funktioniert, dann wird man eben ein bisschen... schnippisch! :P

Shenmi
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Re: Stephen King kann kein Ende

Beitrag von Shenmi » Di 1. Sep 2020, 09:23

A_Forest hat geschrieben:
Mo 31. Aug 2020, 19:55

Mehr "Weg ist das Ziel" geht doch gar nicht und da haben wir noch nicht mal über den Umstand gesprochen, dass ich mich danach auch mit Merlin befasst habe, einfach weil mir die Idee mit den Kugeln so gut gefallen hat.
Vermutlich war "Weg ist das Ziel" auch tatsächlich das was King mit dieser Geschichte geschaffen hat: einen Weg. Denn Sinn sucht man in diesem Werk vergeblich. Das beginn - leider - bereits im ersten Roman, in welchem der sich letzte seiner Art auf eine Mission begibt und nicht mal weiss, was er genau damit bezwecken will. Denn das ist kein Geheimnis: Roland sucht den dunklen Turm - hat aber keine Ahnung was er damit machen soll, wenn er ihn dann findet.
Das ist zwar schwammig und als Motivation wenig glaubwürdig, aber das kann man dennoch so stehen lassen, ohne daß einem die Freude am Lesen abhanden kommt!
Moment, so ganz stimmt das ja nicht.
Zunächst mal möchte er den Turm finden, weil er weiß das es ein zentraler Ort ist, an dem buchstäblich alles zusammen läuft.
Der Turm spielt in der Mystik der Revolvermänner eine zentrale Rolle, ich habe ihn immer als Unterbau ihrer gesamten Zivilisation gesehen.
Die Verkörperung der Macht, aber auch des Guten, für das die Revolvermänner stehen.
Rolands Motivation ist es, den Turm zu betreten und sein Geheimnis zu lüften. Die Meta Ebene ist die Erzählung und auch die Befürchtung, dass oberste Zimmer im Turm sei leer.
Betrachtet man dies auf einer Meta Ebene, heißt es doch nicht weniger, als : Die gesamte Existenz ist sinnlos und alle Dinge existieren nur um ihrer Selbst Willen. Dies kann und möchte Roland aber nicht glauben und dafür opfert er alles und jeden. Damit wäre auch das Gute obsolet, dass Recht, die Ordnung und die Zivilisation.
Aber diese Suche hat auch eine ganz persönliche Ebene, denn Roland erhofft sich auch, die familiären Geheimnisse zu lüften und zu verstehen was ihm widerfahren ist.
Im Prinzip sucht er gleichzeitig nach dem Sinn der eigenen Existenz, denn diese wäre ebenfalls vollkommen sinnlos, wenn das oberste Zimmer leer wäre.
Eventuell versinnbildlicht dies auch seine eigene Leere, die im Verlaufe des Buches ja durchaus gefüllt wird und die ihn in einen ständigen Widerstreit stürzt, ob er es zulassen kann, sie auszufüllen.
Natürlich weiß er nicht was er tun soll/wird, wenn er den Turm betreten hat, wie denn auch? Er zweifelt ja zeitweise sogar an dessen Existenz und ist sich nicht einmal sicher, ob es ihm gelingen wird, ihn zu erreichen und zu betreten. Da dies offensichtlich vor ihm noch niemandem gelungen ist, kann er auch schlecht ein Ziel formulieren, da er ja auch gar nicht weiß, was danach mit ihm passiert oder welche Folgen es haben wird.

Im Prinzip ist die ganze Reihe eine große und allumfassende Sinnsuche, jedenfalls habe ich das immer so verstanden. Das ist doch ein recht philosophischer Unterbau, den man - zugegeben - mögen muss.

A_Forest
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Re: Stephen King kann kein Ende

Beitrag von A_Forest » Mi 2. Sep 2020, 16:45

Shenmi hat geschrieben:
Di 1. Sep 2020, 09:23
Zunächst mal möchte er den Turm finden, weil er weiß das es ein zentraler Ort ist, an dem buchstäblich alles zusammen läuft.
Okay... aber das beantwortet immer noch nicht, was er sich davon erhofft.
Shenmi hat geschrieben:
Di 1. Sep 2020, 09:23
Der Turm spielt in der Mystik der Revolvermänner eine zentrale Rolle, ich habe ihn immer als Unterbau ihrer gesamten Zivilisation gesehen.
Das habe ich nirgendwo herausgelesen. Der Unterbau ihrer Zivilisation stützt sich auf die Artus-Sage. Bei den Rückblenden in die Vergangenheit ist Roland - meiner Erinnerung nach - der einzige, der vom dunklen Turm spricht.
Ich mag mich da nun irren und du musst nicht extra nach Textstellen suchen, um deine Argumente zu untermauern. Aber so erinnere ich mich an die Reihe, denn die Frage, weshalb Roland eigentlich den Turm finden will, begleitete mich vom ersten Roman an... und ich achtete sehr genau darauf, ob zumindest Andeutungen auftauchen würden, die das deutlich machen würden.
Shenmi hat geschrieben:
Di 1. Sep 2020, 09:23
Rolands Motivation ist es, den Turm zu betreten und sein Geheimnis zu lüften. Die Meta Ebene ist die Erzählung und auch die Befürchtung, dass oberste Zimmer im Turm sei leer.
Den Aspekt mit dem obersten Zimmer habe ich nur dunkel in Erinnerung, aber ja, damit wurde das Ziel konkretisiert. Aber ein Grund ist es immer noch nicht. Aus „Er will zum dunklen Turm“ wurde lediglich „Er will zum dunklen Turm und dort ins oberste Zimmer gelangen“.
Shenmi hat geschrieben:
Di 1. Sep 2020, 09:23
Aber diese Suche hat auch eine ganz persönliche Ebene, denn Roland erhofft sich auch, die familiären Geheimnisse zu lüften und zu verstehen was ihm widerfahren ist.
Da mögen mich nun meine Erinnerungen wieder trügen, aber alles wesentliche bezüglich seines Vaters, seiner Mutter und Marten wird in der Geschichte gelüftet (zugegeben: es mag sein, daß ich mich an diesen Teil aus der Comicreihe erinnere! Dort wird der familiäre Hintergrund genau aufgearbeitet).
Sobald Roland diese Kenntnisse besitzt, wäre dieser Grund für seine Suche nicht mehr länger relevant.
Shenmi hat geschrieben:
Di 1. Sep 2020, 09:23
Natürlich weiß er nicht was er tun soll/wird, wenn er den Turm betreten hat, wie denn auch? Er zweifelt ja zeitweise sogar an dessen Existenz und ist sich nicht einmal sicher, ob es ihm gelingen wird, ihn zu erreichen und zu betreten.
Und da kommen wir wieder zu meinem Hauptproblem: Rolands Motivation!
Er sucht den dunklen Turm und weiss nicht, was er sich davon verspricht. Niemand macht etwas ohne sich etwas zu erhoffen.

Mit drei Ausnahmen:

Glaube: wenn der Glaube sehr stark ist, so braucht man keinen handfesten Grund für sein Handeln. Man handelt aus einer spirituellen Überzeugung heraus. Roland glaubt an die Macht des Ka‘s und ist bereit seine Zeichen und Hinweise zu lesen. Ansonsten ist er aber weit weg von Spiritualität. Auch das Ka beantwortet nicht, was - im besten Fall - dort passieren könnte. Also, weshalb Roland dorthin soll...

Wissenschaftliche Neugier: auch einem Menschen mit grossem Wissensdurst würde ich abnehmen, daß er ein Ziel verfolgt, von dem er nicht sagen kann, ob er es erreichen wird oder nicht.
Aber auch hier: Neugier oder Wissbegierigkeit sind bei Roland keine ausgeprägten Eigenschaften. Er tut was notwendig ist. Alles was rundherum ist, interessiert ihn nicht sonderlich.

Und Nummer 3: er ist ein psychisch schwer gestörter Mensch. Auch hier ist keine Motivation für ein Ziel nötig. Und Roland ist viel zu geistesklar, als das man ihm das unterstellen könnte.

Was bleibt dann noch?

Eine unglaubwürdige Prämisse.

Ich habe das Gefühl, King hoffte, daß sich im Laufe der Zeit durch das Weiterschreiben ihm selbst der Sinn Rolands Suche erschliessen würde. Aber irgendwann musste er merken, daß dies nicht mehr der Fall war. Also machte er eben das Beste daraus.

Wenn man eine Geschichte schreibt und merkt, daß man sich in eine Sackgasse manövriert hat, so kann man nochmal zurückgehen und Dinge ändern. Das ist schon um vieles schwerer, wenn bereits wesentliche Teile in Stein gemeiselt sind, sprich: veröffentlicht.

Im Gegensatz zu George Lucas hatte er nicht die Möglichkeit nachträglich nochmal Dinge zu ändern, die ihm nun nicht mehr als passend erschienen (und den Verkauf seiner ursprünglichen Romane zu verhindern!)

Du hast Rolands Suche als philosophische Reise gesehen und gut argumentiert. Unter diesem Aspekt spielt der Ausgang nicht notwendigerweise eine Rolle. Wie du schon sagtest, die Reise selbst ist das entscheidende.

Ich bin selbst kein Freund von Philosophie, somit bin ich mit Deutungen auch nur sehr zurückhaltend. Für mich wiegt das was geschrieben steht mehr als das was ich darunter verstehen könnte. Und von dieser Warte aus muss ich leider bei meiner Feststellung bleiben: die Geschichte hinkt, wenn der Protagonist keine Idee hat, weshalb er sich einem Ziel verschreibt.

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