Folge 107: Geteilt durch Null

Hier wird über die aktuelle Folge diskutiert. Und über alle anderen natürlich auch.
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falko
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Folge 107: Geteilt durch Null

Beitrag von falko »

Der amerikanische SF-Autor Ted Chiang hat mehr Preise gesammelt als Geschichten geschrieben. Okay, wir haben nicht nachgezählt, aber es fühlt sich so an, wenn man sich näher mit ihm befasst. Länger als eine Novelle wird es bei ihm nicht, und sein Gesamtwerk von bislang 30 Jahren findet sich in deutscher Ausgabe in zwei Sammelbänden. Drei seiner bekanntesten Geschichten haben wir nun gelesen.

Eine davon – „Die Geschichte deines Lebens“ – war die Basis für den Film „Arrival“ von Denis Villeneuve und hat Chiang einem breiteren Publikum bekannt gemacht Spoiler: wir sind uns diesmal nicht so ganz einig, wie wir seine Geschichten finden …

Viel Spaß mit der neuen Folge!

Folge 107: Geteilt durch Null
"I must say I find television very educational. The minute somebody turns it on, I go to the library and read a good book." - Groucho Marx
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ABMGW
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Re: Folge 107: Geteilt durch Null

Beitrag von ABMGW »

Ich musste beim Anhören an das Zitat von Ian M Banks denken: "Wenn der Leser den Text niccht versteht dann muss ihn der Autor nicht erklären"

Aber ich bin ja nicht ian M Banks, von daher was den Kern der drei Geschcihten angeht:

"Die Geschcihte deines Lebens"

Der Grundlegende Irrtum hier ist das die Aliens überhaupt gar keine Sprache sprechen wie wir Menschen. Das wird im Buch ausgeführt: die Sprache ist rein ritueller Natur, und das ist auch der Punkt warum sich Menschen und Aliens lange Zeit gar nicht verstehen: eigendlich reden nur die Menschen, für die Aliens, die ja schon alles wissen, gibts auch keinen Informationsaustausch und damit auch keine "Sprache" wir wir sie verstehen. Auch hier ´wichtig: der positive Spin von Chiang, die Linguistin tauscht freien Willen gegen Allwissenehit, und kann so als 'Mensch' im eigendlich Sinne gar nicht mehr leben. Trozdem verweifelt sie nicht daran sondern freundet isch mit ihrer neuen Existent an.

Übrigens, es gibt da eine Sprache die Linguisten in den Wahnsinn treibt: https://de.wikipedia.org/wiki/Pirah%C3%A3 , vielleicht ein besseres Beispiel für saphir Worf als Hopi.


"Der Turmbau zu Babel"

Das Ende der Geschichte ist nicht eingfach nur so hingerotzt um ein Ende für eine Geschcihte zu haben (das ist mehr so das Ding von King), das Ende der Geschichte ist der Angelpunkt von allem: Die Menschen (der Protagonist) erkennt das die Deutung über die Natur des Universums falsch ist, und damit auch die Deutung über den Willen Gottes (der ja eine Rolle spielt: alle sind religiös und man macht sich darüber Sogen ob Gott nicht den Turm zerstören würde). Am Ende ist klar: Es gibt kein "Entkommen" aus der Schachtel (dem Möbiusband) in dem Gott die Menschen eingesperrt hat. Der Turmbau daher: keine Hyris, weil er nicht gegen den Plan Gottes verstorßen hat, sondern nur jahrhundertelange Zeitverschwendung. Und dennoch hat die Geschichte (wie bei Chiang offt) einen positiven Twist, weil der Protagonsit die Einsicht über die Natur des Universums richtig zu deuten vermag.

"Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes"

Wenn ihr den komsichen Stiel bemängelt, dann liegt das daran das die Geschite nicht an euch (den Leser) adressiert ist. Diese Geschcihte ist ein theologisches Lehrmodel für die Menschen in deren Welt sie spielt. Mich wunderts das es euch nciht aufgefallen ist: Max will sich in den Himmel "hacken". Die Voraussetzung dafür ist ja das er Gott mehr liebt als alles andere, nur liebt er seine Frau mehr als Gott. Die einzige Möglichkeit in den Himmel zu kommen ist das Anglitz Gottes zu sehen... passiert auch, nur kommt er trozdem in die Hölle, und zwar das ist wichtig: als erster und einziger. Und warum? Weil -->alles<-- Gottes Plan war. Die Menschen in dieser Welt sind alles nur Spielfiguren mit "freien Willen", die aber der Willkürherrschaft Gottes ausgeliefert sind. Und es gibt kein Entkommen, keine Abkürzungen und keine Auswege, und um das zu verdeutlichen wird die Geschcihte mit den drei Protagonisten eingefädelt die alle drei auf unterschiedliche Arten bestraft werden.

Das ist so ziemlich die einzige düstere Geschichte von Chian, alle anderen, wie gesagt: halbwegs positives Ende gegen alle Wiedersprüche.
OmniJan
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Re: Folge 107: Geteilt durch Null

Beitrag von OmniJan »

ich hatte hier den Eindruck, dass Jochen sich nicht wirklich auf die Geschichten einlassen konnte. Ich bin kein Freund von der "jemand hat es nicht verstanden"-Keule, weil das einen intellektuellen Mangel unterstellt. Das müssen wir bei unseren Herren Podcastern ja nicht diskutieren.

Die Erzählungen von Teddy spielen sich auf mehreren Ebenen ab, die nicht darauf abzielen konkrete Antworten zu liefern.

Insbesondere bei "die Geschichte deines Lebens" handelt ja konkret von dem, was Jochen kritisiert. Dass "Sprache" ein Konzept ist, das Realität/Verständnis/Bewusstsein transportiert aber immer davon abhängig ist, was der eigene Erwartungshorizont ist.

Die Geschichte interessiert es ja gar nicht, was jetzt konkret linguistisch dahinter steckt, sondern die Frage, welche Implikationen sich aus dem Gedankenspiel ergeben → wenn die Wahrnehmung von Realität und Zeit dergestalt ist, dass Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart gleichwertig sind: sind sie dann überhaupt etwas wert?
Wenn ich WEIß, dass meine Tochter stirbt - ist es dann wert, sie überhaupt zu zeugen? Sind 20 glückliche Jahre nichts wert, wenn ich weiß, dass sie dann enden? Wo ist die Grenze? bei 20 Jahren? bei 30 Jahren? bei 80 Jahren?
Ist ein Leben nur dann lebenswert, wenn man 100% Gesundheit, Glück und Langlebigkeit garantiert hat? sollte man sich nur dann darauf einlassen?

Wenn ich weiß, dass ich leiden werde - aber auch Glück empfinden werde: wiegt Leid größer als Glück?

Kann ich überhaupt entscheiden oder ist "freier Wille" nur eine Illusion? wenn ich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichermaßen wahrnehme → gibt es dann so etwas wie Entscheidung oder ist alles deterministisch?

DAS sind alles Fragen, die erstmal nur in der ersten Geschichte aufgeworfen werden, und die letztlich die Erzählung so gehaltvoll und großartig macht. Auch die anderen Kurzgeschichten sind ähnlich ergiebig.

wenn man mit dem Anspruch "ich will eine Aussage und eine konkrete Antwort" an so etwas herangeht, wird man womöglich enttäuscht. Wenn es als Ausgangspunkt für interessante und auch wirklich existentielle Fragen gesehen wird, mag die Wahrnehmung vielleicht eine andere sein.

Ich konnte alle Argumente des Podcasts gut nachvollziehen und sage auch nicht, dass Jochen falsch liegt; nur habe ich selbst drastisch sehr viel mehr aus diesen Kurzgeschichten gezogen, als aus den meisten 0815 irgendwas-Unterhaltungsromanen, die eine beliebige Geschichte erzählen :)
Dachs von Ghissi
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Registriert: Sa 29. Jun 2019, 08:01

Re: Folge 107: Geteilt durch Null

Beitrag von Dachs von Ghissi »

Ich habe mir diesen Band als Urlaubslektüre gegönnt und bin ziemlich geplättet. Was für eine anregende Lektüre! Im Einzelnen:

Tower of Babylon 4/5
Phantasievoll und rund erzählt. Dabei voller Einzelheiten und dennoch nicht überladen. Das Ende ist objektiv eindeutig, dennoch verschiedenen (religiösen, nicht-religiösen...) Deutungen zugänglich.

Understand 4/5
Die klassische SF-Geschichte in diesem Band. Ich will sie sofort verfilmt sehen. Wenig überraschend entwickelt sie sich zu einem spannend erzählten Höhepunkt.

Division by Zero 5/5
Sperrig, aber dennoch die Geschichte, die mich am meisten berührt hat. Wie a und b inhaltlich zusammengeführt werden, ist perfekt konstruiert und umgesetzt. Ein mathematisches und ein zutiefst menschliches Problem werden auf ihre Gemeinsamkeiten abgeklopft.

Story of Your Life (5/5)
Perfekt.
Wenn man den Film kennt, hat man den Vorteil, den komischen Sprachstil von Anfang an bewußt genießen zu können. Auf der anderen Seite vermisst man vielleicht am Ende zwei Aspekte, die der Film zur besseren Konsumierbarkeit der Geschichte hinzugefügt hat. Zumindest mir ging es so.

Seventy-Two Letters (3/5)
Tolle Ideen (zB die Präformation - gab es als Wissenschaft wirklich!), aber insgesamt einfach zu viele Ideen. Warum am Ende diese Action Szene? Sollte die Kurzgeschichte vielleicht eigentlich ein Roman werden?

The Evolution of Human Science (4/5)
Kurz und knackig. Präzise. Weise und kreativ. Werden wir in Zukunft Archäologen in zwei Richtungen sein?

Hell is the Absence of God (2/5)
Hat bei mir nicht funktioniert, obwohl ich das Buch Hiob recht gut kenne. Zu detailverliebt, wobei vieles an mir vorbeirauschte. Die Geschichte hatte für mich auch keinen durchgängigen Ton. Mal ironisch-witzig, mal brutal und hoffnungslos. Ich mochte keine der drei Figuren. Vielleicht lag es daran.

Liking What You See: A Documentary (5/5)
Und zum Schluss noch mal was ganz anderes. Eine Black Mirror - Folge, aus Staffel 2 bis 3 würde ich sagen. Spannend, dass er das Jahre vor der Herrschaft der Smartphones geschrieben hat. Hat mich als Gedankenexperiment vollkommen überzeugt.
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