Folge 44: If It Bleeds

Hier wird über die aktuelle Folge diskutiert. Und über alle anderen natürlich auch.
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falko
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Folge 44: If It Bleeds

Beitrag von falko » Mo 18. Mai 2020, 18:39

Das Gesetz gilt immer noch: Wenn unser alter Kumpel Steve, der in der Öffentlichkeit als Stephen King bekannt ist, ein neues Buch rausbringt, dann lesen wir es. Sofort. Diesmal ist es kein Roman, sondern eine frische Novellensammlung, und da die deutsche Ausgabe erst im August erscheint, können wir anhand der Originalausgabe schon vorkosten und hier verkünden, ob es mundet.
Traditionell umfassen die Novellensammlungen von King jeweils vier Geschichten, und diesmal hat sich jeder von uns auf einer Skala bis 10 Punkte eine Wertung für jede einzelne Geschichte überlegt.
Viel Spaß mit der neuen Folge!

Folge 44: If It Bleeds
"I must say I find television very educational. The minute somebody turns it on, I go to the library and read a good book." - Groucho Marx

Shenmi
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Re: Folge 44: If It Bleeds

Beitrag von Shenmi » Di 19. Mai 2020, 12:39

Ich muss Jochen mal widersprechen, was die Figur der Holly Gibney angeht.
Als jemand der mit einer Borderlinerin verheiratet ist, die auch noch diverse andere Diagnosen mit sich herumschleppt, kann ich nur bestätigen, dass diese Verhaltensweisen eben nicht aus der Luft gegriffen sind.
Gerade Falkos Beispiel, mit dem Telefonieren, ist ein Gutes. Meine Frau kann das überhaupt nicht und am Anfang dachte ich immer, sie will mich zum Narren halten. Aber sie bekommt dann Angst, weil sie das Gegenüber nicht sieht bzw. dessen Reaktionen. Zumindest ist das Teilaspekt dieses Verhaltens. Mittlerweile hat es sich etwas gebessert, wenigstens was mich betrifft. Wenn sie Fremde anrufen muss und mich nicht vorschieben kann, plant sie jeden Anruf wie eine große Schlacht. Mit tausend Zetteln und einer Strategie. Kann aber auch passieren, dass sie mittendrin in Tränen ausbricht und einfach auflegt oder weggeht.
Was mich an solchen Figuren, ganz unabhängig vom Roman ärgert - Oxen war auch so ein Beispiel - ist das sie immer funktionieren, wenn sie es müssen. Denn genau das tun sie eben nicht. Diese Krankheiten nehmen keine Rücksicht auf Planung, vernünftige Argumentation und die Betroffenen können sich auch nicht "zusammenreißen".
Und wenn Du ein Jahr lang den Herzenswunsch, den Urlaub oder sonstwas planst und der Partner fünf Minuten vorher in solche Phasen rutscht, fällt das eben aus.
Allerdings kann das auch sehr schön sein, wenn man sich zurücknimmt und dem Chaos eine Chance gibt. ;)

Buch ist vorgemerkt, ich werde es aber wahrscheinlich auf Deutsch lesen.

Jochen
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Re: Folge 44: If It Bleeds

Beitrag von Jochen » Di 19. Mai 2020, 14:16

Moment: Ich habe nicht gesagt, dass die Verhaltensweisen aus der Luft gegriffen seien (sind sie bestimmt nicht), sondern dass sie für mich in ihrer geballten, vehementen Anzahl und als einziges definierendes Charaktermerkmal des Menschen Holly Gibney zur Karrikatur werden. Zumindest habe ich das so gedacht, ob ich es wirklich so gesagt, also für alle verständlich ausgedrückt habe, sei mal dahin gestellt ;)

Shenmi
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Re: Folge 44: If It Bleeds

Beitrag von Shenmi » Di 19. Mai 2020, 20:00

Bitte entschuldige, ich wollte Dir auch nicht zu nahe treten.

Ich persönlich finde das Verhalten von Holly gar nicht so karrikaturhaft (sagt man das so?).
Vielleicht liegt es auch daran, dass ich inzwischen selbst einige Geschichten erlebt habe, die ich vor einigen Jahren keinem Autor abgekauft hätte, wenn sie mir in einem Roman begegnet werden.
Und wie oft ich schon eines Besseren belehrt wurde, wenn ich dachte, nun habe ich alles gesehen. Das lässt sich kaum noch zählen.
Wahrscheinlich bin ich auch etwas empfindlich geworden, weil ich von (teils ehemaligen) Freunden gehört habe : "Die macht das mit Absicht." oder "Die tut nur so."
Deswegen ist mein eigenes Urteil wahrscheinlich von einiger Befangenheit geprägt. Das sollte auch nur eine Anmerkung sein.

Ich habe mir, nach eurer "Oxen" Folge mal Gedanken dazu gemacht.
Solche Figuren sind sicherlich für einen Autor unglaublich reizvoll, darin steckt viel (Konflikt) Potenzial.
Heraus kommt dabei aber meistens nur ein Abziehbild, weil der Fokus auf kleine Macken und charmanten Schrulligkeiten liegt, die wirklich süß und herzallerliebst sein können.
Dem entgegen stehen aber ernsthafte Krankheitsbilder, die auch Phasen bergen, an denen nichts mehr niedlich oder launig ist.
Ich verliere auch manchmal die Geduld und könnte sie gegen die Wand klatschen, um es mal deutlich zu sagen.
Solche Akte passen dann aber natürlich nicht in einen Plot, der ja vorangehen muss. Schon gar nicht wenn es sich um die Hauptfigur handelt und ihre Reise zum Heldentum oder dem Abgrund. Der Held/die Heldin kann ja auf Seite 200 nicht auf einmal alles hinwerfen, alles Geschirr kaputt machen, dass Inventar zerlegen und den Rest der Geschichte schweigen oder weinen. Diese Seiten der Medaille funktionieren nicht und das möchte auch niemand lesen.

Vielleicht hast Du ja recht und so etwas passt sehr gut in launige Geschichten. Hier sehe ich aber wirklich die Gefahr, Abziehbilder zu erschaffen und ein falschen Bild zu vermitteln.
Ein Autor braucht wahrscheinlich sehr viel Fingerspitzengefühl.
Mir fällt gerade auf: Wo King versagt, schicken wir Falko ins Rennen, der sowieso mal wieder einen Roman schreiben wollte.
Und wenn das Buch fertig ist, besprecht ihr es exclusiv im Podcast. Ihr könnt das dann ja live machen und mit Skype Anbindung, damit wir auch Fragen stellen können. :D

Ich wünschen einen schönen Abend und entschuldige mich, sollte ich falsch rüber gekommen sein.

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Oliver Naujoks
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Re: Folge 44: If It Bleeds

Beitrag von Oliver Naujoks » Fr 22. Mai 2020, 10:03

Wird nicht lang, versprochen:

Danke für diese sehr nette und unterhaltsame Folge. Es tut übrigens dem Podcast tatsächlich gut, wenn Ihr auch mal einen leichten Dissens habt, dann kann man sich die besten Argumente für sich selbst rauspicken. Aber klar, das kann man nicht forcieren.

Nur zwei Anmerkungen diesmal:

Ihr habt bei Eurer Rückschau auf die Sammlungen von Kings kürzerem Werk teilweise sehr harsche Urteile über vergangene Sammlungen geäußert. Ich würde gerne noch eine Lanze brechen für 'Four Past Midnight'. Die enthält u.a. die Novelle 'The Library Policeman', die ich damals wohl zur rechten Zeit gelesen habe - noch heute bekomme ich eine Gänsehaut, wenn ich an die denke und zwar gerade weil King da stilistisch extrem dick aufträgt. Und sie enhält die 'Langoliers', eine sehr viel faszinierende Geschichte, als der nur mittelmäßige TV-Film vermuten lässt. Für mich ist 'The Library Policeman' ein Höhepunkt in Kings gruseligem Schaffen, auch wenn ich zugebe, dass wohl nicht so viele meine Meinung da teilen (zumindest lese ich davon nicht viel).

Dann, als Ihr das Ende der einen Geschichte erwähnt habt und den Satz "All is red" oder so, da habe ich einen Hinweis auf Harry Potter vermisst. Das ist doch sicherlich eine offensichtliche Anspielung auf "All was well", den letzten Satz im letzten Potter-Roman Deathly Hallows. Sorry für die Menschen, denen ich da jetzt was gespoilert habe. ;)
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Liest: "Classic American Crime Fiction of the 1920s", Leslie S. Klinger // "Joseph Balsamo", Alexandre Dumas
Spielt: Sherlock Holmes: The Mystery of the Mummy, Mass Effect, Nancy Drew # 33, Unavowed, MLB The Show 20, NHL 20

Ironic Maiden
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Re: Folge 44: If It Bleeds

Beitrag von Ironic Maiden » Fr 22. Mai 2020, 13:21

Danke für die Folge!

Ich habe die ersten drei Novellen als Hörbuch gehört und kann mich momentan nicht aufraffen, auch noch die vierte zu hören. Die erste Geschichte hat mir wirklich gut gefallen. Ich mochte, dass sie im Grunde wie eine klassische Gruselgeschichte funktioniert. Die Dynamik zwischen dem Jungen und dem alten Mann hat mich ehrlich gesagt kein Stück interessiert, aber ich habe mich gut unterhalten gefühlt. Leider verstärkt das Hörbuch einen Punkt, der auch im Podcast kritisiert wurde. Ich bin gerade zu faul um nachzuschauen, wer das Hörbuch liest, aber die Stimme könnte einem Siebzigjährigen gehören, der eine Geschichte am Lagerfeuer erzählt. Dadurch wurde es noch unglaubwürdiger, dass der Erzähler ein Junge bzw. ein junger Mann ist. Das ist eine Sache, die mich bei vielen Hörbüchern und Lesungen, sowohl auf Deutsch oder Englisch, nervt, nämlich dass viele Sprecher sich anhören wie alte Männer. Zu manchen Sachen passt das und dann stört es mich auch nicht, aber oft wird das Ganze dadurch eher langweiliger und für mich uninteressanter.

Die zweite Novelle fand ich ok, aber wahrscheinlich sollte man sie besser lesen als nebenher beim Abwaschen und Wäsche aufhängen zu hören. So hat sie mich nicht sehr beeindruckt.

Holly in der dritten Novelle mochte ich als Protagonistin, ich fand sie auch nicht so unüberzeugend. Mir ist nicht aufgefallen, dass sie irgendwie besonders viele Macken hätte oder extrem traumatisiert ist. Auf mich wirkte sie etwas exzentrisch und eigenbrötlerisch, aber jetzt unglaubwürdig oder übertrieben. Es ist ja in Geschichten, vor allem bei plotgetriebenen Sachen wie Krimis, oft so, dass die Hauptperson vor allem auf die Anforderungen der Handlung hin geschrieben ist. Dann macht der Detektiv nichts anderes, als den ganzen Tag nur an dem Fall zu arbeiten und hat keine sonstigen Interessen. Wenn die Handlung spannend ist, finde ich das auch super, dann will ich nämlich wissen, wie es weitergeht, und nicht, was es zum Mittagessen gab oder wie der Detektiv seine Familie besucht. Hier fand ich es aber schön, dass Holly noch anderes zu tun hat, als auf einen bloßen Verdacht hin ununterbrochen vor sich hin zu ermitteln.
Die Handlung war allerdings wahnsinnig unspannend. Was los ist bzw. was das Problem ist, war ja schon recht schnell klar und der Rest des Textes besteht darin, das mit weiteren Hintergrundinfos anzureichern, die man aber eigentlich gar nicht bräuchte. Dadurch wirkte es auf mich langweilig und redundant.

Insgesamt bereue ich die Zeit, die ich in das Hörbuch gesteckt habe, jetzt nicht, aber begeistert hat es mich auch nicht. Ach ja, und das Cover ist ja wohl das hässlichste, was ich seit langem gesehen habe. Diese Katze mit der Ratte als Nase in diesen ekelhaften Farben. Sieht aus, als habe es jemand im Kunst Grundkurs schnell zusammengebastelt, um irgendwas abgeben zu können. Bäh!

Akill0816
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Re: Folge 44: If It Bleeds

Beitrag von Akill0816 » Sa 23. Mai 2020, 18:54

Insgesamt eine schöne Folge und ich war froh, dass ihr euch bei Novelle vier auch mal uneinig seid. Das einzige was mir bei eurem tollen Podcast manchmal fehlt ist ein zünftiger Disput, da ihr selten bei einem Buch komplett anderer Auffassung seid.
Gerade was King angeht bin ich etwas reservierter als ihr, sodass ich diese Novellensammlung eher nicht lesen sondern allenfalls als deutsches Hörbuch hören werde. Rein thematische glaube ich nämlich, dass mich nur die ersten beiden Novellen abholen können. Und von Novellen Nr. 1 wart ihr ja nicht so begeistert.

An einem Punkt muss ich jetzt mal kräftig widersprechen: Die Verfilmung von der Novelle "Der Musterschüler" ist für mich nicht nur eine der gelungensten Kingverfilmungen, die ich bisher gesehen habe. Sie ist für mich sogar das Standartbeispiel für eine Verfilmung, die deutlich besser ist als ihr Grundstoff.
Wenn mich bei King eins stört, dann ist es die Tatsache das King seine oft spannenden Szenarien so auf die Spitze treibt, dass sie jegliche Glaubwürdigkeit verlieren. King tendiert dazu mich im letzten Drittel seiner Romane und Erzählungen zu verlieren. Das gilt längst nicht für alle King-Romane aber es kommt recht oft vor.

Der Film findet für mich ein sehr starkes Ende, dass die Mordorgie, die King zu Ende der Novelle inszeniert, überflüssig macht und auf mich trotzdem eine stärkere emotionale Wirkung hatte als das Ende der Novelle.
Ich habe den Film gesehen, bevor ich die Novelle kannte und war im Nachhinein recht geschockt wie plumb das Ende der Geschichte bei King war und wie viel weniger glaubwürdig und erschreckend ich die Novelle beim späteren lesen fand. Die Veränderungen des Films haben für mich aus einer interessanten aber unglaubwürdigen Novelle einen sehr intensiven Film gemacht.
Außerdem war die Schauspielerische Leistung von Ian McKellan richtige stark und auch die des Todd Darstellers war für mich gelungen und der immer stärker werdende Einfluss von Dussander auf Todd wurde sehr eindringlich veranschaulicht.

Das musste ich hier mal klarstellen, weil ich bei der Behauptung "Der Musterschüler" sei eine schlechte King-Verfilmung ein risieges "WIE BITTE???" auf der Zunge hatte ;)
So unterschiedlich können Wahrnehmungen sein ;)

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