Folge 33: Harlan Ellison

Hier wird über die aktuelle Folge diskutiert. Und über alle anderen natürlich auch.
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falko
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Folge 33: Harlan Ellison

Beitrag von falko » Mi 20. Nov 2019, 06:56

Gerade hierzulande ist es kein Wunder, wenn man von diese Autor noch nie gehört haben sollte – zumindest nicht außerhalb der Science-Fiction-Szene. Ellison ist nicht bekannt für umfangreiche Romane, sondern für unzählige und viele davon preisgekrönte Kurzgeschichten, und für die gibt’s in Deutschland kaum einen Markt. Allerdings war er auch in Hollywood tätig, hat unter anderem das Drehbuch zur legendären „Raumschiff Enterprise“-Folge „Griff in die Geschichte“ geschrieben. Oder die Geschichte, auf der ein obskurer Film aus dem Jahr 1975 mit einem jungen Don Johnson basiert.

Gleichzeitig wäre er der perfekte Lexikoneintrag für den Begriff Enfant terrible, wobei diejenigen, die das zweifelhafte Vergnügen hatten, seinen Zorn auf sich zu ziehen, ihn sicher mit weniger schmeichelhaften Begriffen bedacht haben. „Er hat das nur geschrieben, um zu schockieren“. Ellison selbst sagte, dass er diesem Vorwurf mit einem Lächeln und einem Nicken begegnet ist.

Viel Spaß mit der neuen Folge!

Folge 33: Harlan Ellison
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Re: Folge 33: Harlan Ellison

Beitrag von ReWrite-Podcast » Mi 20. Nov 2019, 17:13

Ich glaube die Erzählungen wurden für die 2014 Heyne Ausgabe, die auch im Thumbnail zu sehen ist, neu übersetzt.

Gerade habe ich angefangen: "Bereue, Harlekin!", sagte der Ticktackmnann zulesen und da heißt es:
"Der Ticktackmann: fast zwei Meter groß, meist schweigsam, ein sanfter, schurrender Herr, solange zeitlich alles glattging. Der Ticktackmann. Selbst in den Waben der Hierachie, wo Furcht erzeugt, jedoich selten empfunden wurde, hießt er nur der Ticktackmann. Allerdings nannte ihn niemand so, der ihm gegenüberstand und seiner Maske in die Augen sah. "

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falko
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Re: Folge 33: Harlan Ellison

Beitrag von falko » Mi 20. Nov 2019, 17:51

ReWrite-Podcast hat geschrieben:
Mi 20. Nov 2019, 17:13
Ich glaube die Erzählungen wurden für die 2014 Heyne Ausgabe, die auch im Thumbnail zu sehen ist, neu übersetzt.

Gerade habe ich angefangen: "Bereue, Harlekin!", sagte der Ticktackmnann zulesen und da heißt es:
"Der Ticktackmann: fast zwei Meter groß, meist schweigsam, ein sanfter, schurrender Herr, solange zeitlich alles glattging. Der Ticktackmann. Selbst in den Waben der Hierachie, wo Furcht erzeugt, jedoich selten empfunden wurde, hießt er nur der Ticktackmann. Allerdings nannte ihn niemand so, der ihm gegenüberstand und seiner Maske in die Augen sah. "
Wenn ich die Quellenangaben am Ende richtig interpretiere, sind es teils Neuübersetzuungen, teils ältere, die aber dann offensichtlich überarbeitet und mindestens auf neue Rechtschreibung geändert wurden.
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Ironic Maiden
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Re: Folge 33: Harlan Ellison

Beitrag von Ironic Maiden » Do 21. Nov 2019, 14:14

Danke für die Folge. Ich fand den Einstieg zum Thema Kurzgeschichten sehr interessant, weil mir mal wieder aufgefallen ist, wie wenig ich eigentlich Kurzgeschichten und Novellen lese, und was mir dadurch entgeht. Dabei gibt es viele Autorinnen und Autoren, die mMn erheblich bessere Kurzgeschichten und Novellen schreiben als Romane. Mein Lieblingsautor Kim Newman (falls ich mal Diktator werde, wird der mein Hofdichter) schreibt z.B. exzellente Novellen von etwa 60 bis 100 Seiten, aber seine Romane lassen ehrlich gesagt nach ungefähr der Hälfte stark nach und ein oder zwei habe ich sogar vor dem Ende abgebrochen, weil es zu zäh und zu wirr wurde. Auch etliche Kurzgeschichten von Angela Carter, z.B. "The Bloody Chamber" oder The Lady of the House of Love", mag ich sehr, aber ihre Romane würde ich wirklich nicht lesen wollen.

Wenn man den deutschen und den amerikanischen Kurzgeschichtenmarkt vergleicht, sollte man vielleicht auch berücksichtigen, dass die deutsche Kurzgeschichte und die amerikanische short story nicht unbedingt baugleich sind. Die Anforderungen, die etwa Poe an die short story formuliert hat, etwa dass sie mit einem Höhepunkt enden und einen "single effect" erzeugen müssen, sind bei der deutschen Kurzgeschichte nicht so gegeben. In der Schule werden Schülerinnen und Schüler eigentlich die gesamte Mittelstufe durch mit den typischen deutschen literarischen Kurzgeschichten traktiert, gerne zum Thema Nachkriegszeit. Ich kann schon verstehen, dass danach die Offenheit gegenüber dem Genre eher nachgelassen hat, da der spaßige Aspekt davon kaum Berücksichtigung findet.
Und die berühmten short stories, die das Genre erst groß gemacht haben, wie z.B. die von Poe oder auch moderneren SF Autoren, werden halt wenig berücksichtigt.
Von Ellison hatte ich vorher nur gehört, aber nichts gelesen, vielleicht nehme ich das demnächst mal in Angriff. Vom der Charakterbeschreibung her klingt er allerdings wie eine Verkörperung aller Dinge, die ich an alternden, sich selbst rebellisch fühlenden Männern hasse.

Meine persönliche Lieblingsgeschichte ist übrigens "The Yellow Wallpaper" von Charlotte Perkins Gilman, die für mich immer noch einer der gruseligsten Texte überhaupt ist.

Shenmi
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Re: Folge 33: Harlan Ellison

Beitrag von Shenmi » Do 21. Nov 2019, 21:14

Eine spannende Folge, mit einem mir unbekannten Autor, den ich mir sicherlich mal ansehen werde.
Persönlich freue ich mich allerdings viel mehr auf die nächste Folge. Mir ist nämlich beinahe das Herz stehen geblieben, als ihr beide gesagt habt, ihr hättet "The Road" nicht gut gefunden.
Den Todesstoß hat mir Jochen verpasst, der es auch noch langweilig nannte. Da bin ich offen gesagt etwas vom Glauben abgefallen.
Vor allem weil ich es letztens gerade nochmal gelesen habe und nach wie vor für unglaublich intensiv halte.
Mir selbst geht es nämlich mit dem Film "No Country for old men" immer so. Es ist einer dieser Filme die alle lieben und denen ich nichts abgewinnen kann. Ähnlich wie der hochgelobte "Drive" den ich todlangweilig fand.
Deswegen habe ich No country for old men nie gelesen, aber vielleicht hole ich das noch noch nach. Sprachlich gefällt mir McCormack nämlich außerordentlich gut.

Da ich zu diesem Thema hier nichts Substantielles beizutragen habe, ziehe ich mich zurück und wetze die Messer. :lol:

Nachtrag:
Zum Thema Unbeliebtheit von Kurzgeschichten kann ich aber vielleicht doch noch was sagen.
Ich habe sie nämlich auch nicht so gern. Denn ich denke mir irgendwie immer, es würde sich nicht lohnen. Denn in meiner Vorstellung bin ich dann gerade richtig in einer Erzählung gefangen und dann ist sie auch schon wieder zu Ende und ich muss mich auf die nächste Welt einlassen.
Das ist nicht so meines. Ich habe schon einige Zeit Kurzgeschichten von Stephen King auf dem Reader zu denen ich mich auch nicht durchringen kann.
Nur eine habe ich gelesen und zwar "Die kleinen Schwestern von Elluria". Aber auch nur weil sie im Dark Tower Universum spielt, von dem ich nie genug haben kann.

Nimlod
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Re: Folge 33: Harlan Ellison

Beitrag von Nimlod » Fr 22. Nov 2019, 13:10

Shenmi hat geschrieben:
Do 21. Nov 2019, 21:14
Nachtrag:
Zum Thema Unbeliebtheit von Kurzgeschichten kann ich aber vielleicht doch noch was sagen.
Ich habe sie nämlich auch nicht so gern. Denn ich denke mir irgendwie immer, es würde sich nicht lohnen. Denn in meiner Vorstellung bin ich dann gerade richtig in einer Erzählung gefangen und dann ist sie auch schon wieder zu Ende und ich muss mich auf die nächste Welt einlassen.
Das ist nicht so meines. Ich habe schon einige Zeit Kurzgeschichten von Stephen King auf dem Reader zu denen ich mich auch nicht durchringen kann.
Nur eine habe ich gelesen und zwar "Die kleinen Schwestern von Elluria". Aber auch nur weil sie im Dark Tower Universum spielt, von dem ich nie genug haben kann.
Ist halt auch einfach Geschmackssache. Wie bei Spielen. Die einen mögen diesen, ich sag mal, "Intellektuell-stimulierenden Happen", der auf den Punkt gebracht einen Gedanken oder eine Idee abbildet, den/die man so vielleicht noch nie gesehen hat. Also dieses "Oh, das ist mal was Neues oder Interessantes!"
Und die anderen (wozu offenbar die Mehrheit gehört und ich auch), mögen es halt lieber, wenn es um Charaktere und gut und lustig/spannend/.. erzählte Geschichten geht, in die man sich emotional hineinfühlen kann. Das können Kurzgeschichten nicht so gut, also interessieren sich nicht so viele Leute dafür. Daran ist imo auch nichts Schlechtes (außer, dass Leute, die Kurzgeschichten mögen, eher kurz kommen, weil es nicht verlegt wird), so ist es eben.

KingSirus
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Re: Folge 33: Harlan Ellison

Beitrag von KingSirus » Fr 22. Nov 2019, 23:48

Bezüglich eures Einstiegs in die Kurzgeschichtenthematik, musste ich an ein Zitat von Andreas Eschbach denken. Dies kam mir bei meiner Recherche unter, da ich mich kürzlich auch mit der Thematik "Kurzgeschichten" etwas beschäftigt habe. Ich persönlich glaube vor allem, dass Kurzgeschichten in Deutschland keinen Fuß fassen können, durch das elitäre Gehabe wenn es in Deutschland um Literatur geht. Siehe hier die endlose Diskussion, ob Eskapismus etwas schlechtes ist und das die fantastische Literatur bis heute von der deutschen Literaturwissenschaft und dem Feuilleton weitestgehend unbeachtet bleibt... :roll:

Hier das gemeinte Zitat (1zu1 von seiner Website übernommen, mitsamt der Rechtschreibung. Man erkennt daran, wann ungefähr er das reingesetzt haben muss... :lol:)
Andreas Eschbach hat geschrieben:Muß ein junger Autor unbedingt Romane schreiben oder sehen Sie auch Chancen für Kurzgeschichten?
Ein junger Autor muß zunächst mal gar nichts. Allenfalls muß er sich klar machen, daß es in Deutschland wahrscheinlich mehr Leute gibt, die Kurzgeschichten schreiben, als solche, die auch welche lesen. Das ist so wie mit Gedichten - wenn jeder, der Gedichte schreibt und nach Möglichkeiten sucht, sie zu veröffentlichen, auch selber regelmäßig Gedichtbände kaufen und lesen würde, wäre Lyrik der größte Markt der Belletristik, und zwar mit Abstand. Ist er aber bekanntlich nicht. Was bedeutet, daß die Gedichtschreiberei ein Ego-Trip ist: man will den anderen seine Ergüsse aufdrängen, basta. Und was Kurzgeschichten anbelangt, ist dahinter die treibende Kraft häufig die, daß man damit eben so schön schnell fertig ist. Mit anderen Worten, wenn ich von jedem fünf Euro bekäme, der Kurzgeschichten schreibt aus dem Grund, daß er sich einen Roman nicht zutraut, wäre ich ein reicher Mann. Und ein Roman ist, wenn man noch keinen geschrieben hat, ein furchteinflößendes Projekt, das muß man ganz klar sehen. Hunderte von Seiten, und auf jeder kann alles schiefgehen - das ist wie die Ersteigung der Eiger-Nordwand. Es wäre unnatürlich, keine Angst zu haben. Der Punkt ist, trotz der Angst zu handeln.

Deshalb als generelle Regel, daß man nur schreiben sollte, was man auch wirklich selber gern liest. Nur das kann man auch authentisch schreiben.

Wobei sich Kurzgeschichten natürlich gut eignen, um zu üben, und manchmal entstehen auch schöne Sachen, und manchmal kann man auch eine veröffentlichen. Ganz klar. Aber eine schriftstellerische Karriere kann man meines Erachtens nicht darauf aufbauen, jedenfalls nicht mehr heutzutage und nicht hierzulande.
Quelle: Andreas Eschbach - Website

Für mich die Aussage eines Autors, der 1. nicht kapiert hat welch Möglichkeiten neue Veröffentlichungsmethodiken mit sich bringen, andererseits kann es auch dem alter des Textes geschuldet sein (wie gesagt, man siehe die Rechtschreibung) und 2. ganz wunderbar das zuvor erwähnte elitäre Gehabe zur Schau trägt.

Ich persönlich habe früher gerne und viel geschrieben. Vor allem im FanFiction Bereich. Leider Gottes war und bin ich ein sehr perfektionistischer Mensch, wenn es darum geht, weshalb es nicht einen einzigen Text gibt mit dem ich zu 100% zufrieden und glücklich bin. Mit einer einzigen Ausnahme. Und zwar eine Kurzgeschichte, die im Rahmen eines Wettbewerbs entstand. Sie durfte nur 500 Wörter lang sein und musste drei Schlüsselbegriffe enthalten. Gott, war ich fuchsig und am randalieren als ich die Aufgabenstellung sah. Doch obwohl das Ganze nun über 10 Jahre her ist, würde ich weiterhin nicht ein Wort ändern wollen. In Kurzgeschichten steckt so viel, weil die Limitierung des Mediums helfen kann. Ähnlich einem Silent Hill 1, bei dem die Grafiklimitierung seiner Zeit und daher die eingebaute Nebelsuppe dem Werk gut tat.

Nimlod hat geschrieben:
Fr 22. Nov 2019, 13:10
Ist halt auch einfach Geschmackssache. Wie bei Spielen. Die einen mögen diesen, ich sag mal, "Intellektuell-stimulierenden Happen", der auf den Punkt gebracht einen Gedanken oder eine Idee abbildet, den/die man so vielleicht noch nie gesehen hat. Also dieses "Oh, das ist mal was Neues oder Interessantes!"
Und die anderen (wozu offenbar die Mehrheit gehört und ich auch), mögen es halt lieber, wenn es um Charaktere und gut und lustig/spannend/.. erzählte Geschichten geht, in die man sich emotional hineinfühlen kann. Das können Kurzgeschichten nicht so gut, also interessieren sich nicht so viele Leute dafür. Daran ist imo auch nichts Schlechtes (außer, dass Leute, die Kurzgeschichten mögen, eher kurz kommen, weil es nicht verlegt wird), so ist es eben.
Da würde ich widersprechen wollen. Es gibt Kurzgeschichten, die einen genau so tief hinein saugen, wie ein 800 Seiten Wälzer, der sich am Ende zu sehr in seiner selbst verliert. Meine Lieblingskurzgeschichte aller Zeiten ist von Stephen King "Omi". Die Darstellung der Oma aus Sicht des Enkels und die Entwicklung dieser Geschichte erzeugen noch immer - wenn ich nur dran denke - ein schauriges Kribbeln auf meiner Haut. Und ich finde auch die Herangehensweise von Shenmi etwas bedenklich, denn dieser Grundgedanke hat schon was von einem "Also, wenn ich keine 100 Stunden Spielzeit bekomme, ist das Spiel auch nicht seine 70 Euro Wert!".
Sprich man sollte die Textlänge und die damit in Relation stehende Lesezeit nicht als Merkmal für Qualität nehmen. Das ist mitunter ein sehr gefährlicher Schritt.

Nimlod
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Re: Folge 33: Harlan Ellison

Beitrag von Nimlod » Sa 23. Nov 2019, 14:43

KingSirus hat geschrieben:
Fr 22. Nov 2019, 23:48
(…)

Nimlod hat geschrieben:
Fr 22. Nov 2019, 13:10
Ist halt auch einfach Geschmackssache. Wie bei Spielen. Die einen mögen diesen, ich sag mal, "Intellektuell-stimulierenden Happen", der auf den Punkt gebracht einen Gedanken oder eine Idee abbildet, den/die man so vielleicht noch nie gesehen hat. Also dieses "Oh, das ist mal was Neues oder Interessantes!"
Und die anderen (wozu offenbar die Mehrheit gehört und ich auch), mögen es halt lieber, wenn es um Charaktere und gut und lustig/spannend/.. erzählte Geschichten geht, in die man sich emotional hineinfühlen kann. Das können Kurzgeschichten nicht so gut, also interessieren sich nicht so viele Leute dafür. Daran ist imo auch nichts Schlechtes (außer, dass Leute, die Kurzgeschichten mögen, eher kurz kommen, weil es nicht verlegt wird), so ist es eben.
Da würde ich widersprechen wollen. Es gibt Kurzgeschichten, die einen genau so tief hinein saugen, wie ein 800 Seiten Wälzer, der sich am Ende zu sehr in seiner selbst verliert. Meine Lieblingskurzgeschichte aller Zeiten ist von Stephen King "Omi". Die Darstellung der Oma aus Sicht des Enkels und die Entwicklung dieser Geschichte erzeugen noch immer - wenn ich nur dran denke - ein schauriges Kribbeln auf meiner Haut. Und ich finde auch die Herangehensweise von Shenmi etwas bedenklich, denn dieser Grundgedanke hat schon was von einem "Also, wenn ich keine 100 Stunden Spielzeit bekomme, ist das Spiel auch nicht seine 70 Euro Wert!".
Sprich man sollte die Textlänge und die damit in Relation stehende Lesezeit nicht als Merkmal für Qualität nehmen. Das ist mitunter ein sehr gefährlicher Schritt.
Hab ich vielleicht schlecht beschrieben, es geht mir nicht ums Hineinsaugen. Ich meinte, dass längere Geschichten in aller Regel (zumindest mein Gefühl) näher an unserer Lebenswirklichkeit sind. Eine Horror-Kurzgeschichte kann so intensiv und perfekt und außergewöhnlich sein, dass man sie bei jedem Zug genießen kann (wenn man sowas mag), aber das eigene, tatsächliche Leben spiegelt sich darin (abseits von Metathematiken) wenig wieder. In Kurgeschichten steht sehr häufig ein Kerngedanke im Vordergrund und es menschelt eher wenig. Zumindest ist das meine Theorie, warum Kurzgeschichten nicht so gut ankommen. Und was der Eschenbach da beschreibt, hat zumindest im Kern schon was Wahres. Man wird halt schnell mal mit Kurzgeschichten und Gedichten weniger begabter Autoren konfrontiert, weil das viele machen, weil es, - wenn schlecht gemacht - leichter und schneller zu schreiben ist als eine schlechter Roman. Viele Leute werden bestimmt schon früh von sowas vergrault und haben dann keine Lust mehr.

Ein Beispiel: Die einigermaßen bekannte 6-Wort-Geschichte (mir ist klar, dass das ein extremes Beispiel ist):
"For sale: baby shoes, never worn" ist absolut genial und auch emotional anrührend. Aber wenn ich bspw. Harry Potter lese und mag, dann ist der Tod von Albus Dumbledore für die allermeisten Leute (zumindest würde ich darauf wetten) wesentlich ergreifender und eindrücklicher als die Baby-Schuhe es jemals sein können.

Ironic Maiden
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Re: Folge 33: Harlan Ellison

Beitrag von Ironic Maiden » Sa 23. Nov 2019, 16:04

KingSirus hat geschrieben:
Fr 22. Nov 2019, 23:48
Dies kam mir bei meiner Recherche unter, da ich mich kürzlich auch mit der Thematik "Kurzgeschichten" etwas beschäftigt habe. Ich persönlich glaube vor allem, dass Kurzgeschichten in Deutschland keinen Fuß fassen können, durch das elitäre Gehabe wenn es in Deutschland um Literatur geht. Siehe hier die endlose Diskussion, ob Eskapismus etwas schlechtes ist und das die fantastische Literatur bis heute von der deutschen Literaturwissenschaft und dem Feuilleton weitestgehend unbeachtet bleibt... :roll:
Das sehe ich anders. Ob ein Autor oder ein Werk im Feuilleton oder in der Literaturwissenschaft beachtet wird, spielt für den Erfolg erstmal nur bedingt eine Rolle, besonders in der Genreliteratur. Markus Heitz oder Wolfgang Hohlbein sind ganz ohne Aufmerksamkeit von dieser Seite für deutsche Verhältnisse sehr erfolgreich geworden. J.K. Rowling, Stephen King oder Neil Gaiman haben in der konventionellen Literaturkritik auch erstmal nicht stattgefunden, und sind dennoch keine Nische. Daher denke ich nicht, dass Kurzgeschichten deswegen nicht so verbreitet sind.

Klar kann ich verstehen, dass man es schön fände, wenn mehr Phantastik in den Feuilletons zu finden wäre, aber dass das sowenig passiert, liegt meiner Ansicht nach auch daran, dass dort nunmal eher auf literarisch anspruchsvollere Titel Bezug genommen wird. Ich meine das auch gar nicht abwertend, ich liebe reine Unterhaltungsliteratur, aber ich kann auch verstehen, dass viele phantastische Romane unter den Tisch fallen, denn viele davon sind halt auch Standard-Massenware. In anderen, "prestigeträchtigeren" Genres ist es doch ganz ähnlich. In der monatlichen Krimikolumne im Deutschlandfunk wird auch nicht jeder neue Serienmörderschinken besprochen,sondern es geht um Werke, die aus dem Rahmen fallen.

Im übrigen halte ich die Aussage, dass phantastische Literatur in der Literaturwissenschaft nicht beachtet wird, schlicht für zu pauschal. Das mag früher so gewesen sein, aber schon aus den Siebzigern gibt es viele wissenschaftliche Arbeiten über Phantastik. Und klar, auch da sind es wieder nicht alle Werke, die berücksichtigt werden, sondern man schaut dann schon eher nach herausragenden Autoren, aber wenn sich ein Forscher mit Liebesromanen beschäftigt, nimmt er auch eher Jane Austen als Rosamunde Pilcher. Natürlich kann man auch über Mainstreamromane interessante Arbeiten schreiben, und das wird auch gemacht, aber eben nicht in dem Umfang, wie es ihrer Verbreitung entspricht. Und das finde ich persönlich jetzt auch nicht schlimm. Was ich lese muss nicht unbedingt durch das Feuilleton oder drei Hauptseminare geadelt werden, und ich denke, dass es den meisten anderen Leserinnen und Lesern ähnlich geht.
Shenmi hat geschrieben:
Do 21. Nov 2019, 21:14

Ich habe sie nämlich auch nicht so gern. Denn ich denke mir irgendwie immer, es würde sich nicht lohnen. Denn in meiner Vorstellung bin ich dann gerade richtig in einer Erzählung gefangen und dann ist sie auch schon wieder zu Ende und ich muss mich auf die nächste Welt einlassen.
Das ist nicht so meines.
Das kann ich völlig nachvollziehen. Ich lese eigentlich gerne Kurzgeschichten, die in Welten spielen, die ich schon kenne. Etwa die Sammlung "Side Jobs", die im Dresden-Files-Universum spielt, oder die Diogenes-Club-Geschichten von Kim Newman. Ich denke, das geht wahrscheinlich vielen Leuten so, denn wenn die Welt schon durch Romane etabliert ist, können Kurzgeschichten die vielen kleinen, interessanten Nebenevents ausfüllen, die neben den großen Plots passieren. Es gibt ja z.B. zu etlichen phantastischen Reihen kleine Tie-In-Novellen oder Kurzgeschichten. Da sind E-Books natürlich auch super praktisch, weil man eben nur die eine Geschichte runterladen (und bezahlen) muss, und nicht gleich zehn. Und Fan-Fiction geht ja auch in diese Richtung, da Personen und Welten schon da sind.
Aber mehrere Kurzgeschichten hintereinander zu lesen, die keinen größeren Zusammenhang haben, finde ich auch anstrengend.

Shenmi
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Re: Folge 33: Harlan Ellison

Beitrag von Shenmi » Sa 23. Nov 2019, 21:50

KingSirus hat geschrieben:
Fr 22. Nov 2019, 23:48


Für mich die Aussage eines Autors, der 1. nicht kapiert hat welch Möglichkeiten neue Veröffentlichungsmethodiken mit sich bringen, andererseits kann es auch dem alter des Textes geschuldet sein (wie gesagt, man siehe die Rechtschreibung) und 2. ganz wunderbar das zuvor erwähnte elitäre Gehabe zur Schau trägt.

Ich kann der Aussage von Eschbach - dessen Bücher ich übrigens meistens ziemlich gern mag - in einigen Punkten zustimmen und finde mich sogar wieder.
Das was er über das Schreiben von Romanen gesagt hat, kann ich vollends nachvollziehen. Ich habe mir einen sehr teuren Schreibkurs gebucht, mit einem Lektorat und trotz Überzeugungsarbeit der Lektorin, habe ich auf Kurzgeschichten bestanden, weil ich auch dachte, die sind nicht so kompliziert.
Letztlich habe ich das Jahr verplempert, weil ich mir zwar sehr viel mitgenommen habe, mich aber ansonsten vollkommen verzettelt.
Richtig fand ich auch Eschbergs Überlegungen zu Lyrik Bänden, zumindest was den Kauf/Verkauf angeht.

Vehement widersprechen würde ich ihm, wenn er meint das Schreiben von Gedichten wäre ein reiner Ego Trip.
Ich schreibe ja auch recht viel und veröffentliche meine Sachen auch hin und wieder in Foren, obwohl das in letzter Zeit etwas eingeschlafen ist.
Dort habe ich mich, gerade durch die hilfreiche Kritik anderer User, deutlich weiterentwickelt und viel über Lyrik gelernt, Vor allem auch was die Form betrifft und das Technische.
Das ist mir sehr schwer gefallen, denn ich schreibe aus dem Herzen. Und auch nicht um andere Menschen mit meinen emotionalen Befindlichkeiten zu überfluten, sondern als eine Art Ventil.
Denn was Eschberg hier behauptet, funktioniert meiner Erfahrung nach dort nicht wirklich gut. Die Leute zerreißen die eingestellten Werke dort gerne - mal mehr und mal weniger feinfühlig - und nicht mal inhaltlich, damit beschäftigen sich viele überhaupt nicht.
Dadurch entsteht ein gewisser Druck. Bei so manchem Poeten sogar Frustration, würde ich meinen.
Ich bin dann vom emotionalen Schreiben immer mehr ins Technische verfallen und dabei habe ich dann meine Authentizität eingebüßt, worauf mich dann auch mal jemand aufmerksam gemacht hatte.
Das hat mit total verunsichert, aber dadurch habe ich wieder angefangen, mehr auf mein Herz zu hören. Geholfen hat es mir aber auch, denn ich würde behaupten, heute bekomme ich beides ganz ordentlich unter einen Hut.

Was ich damit so wortreich zu sagen versuche ist: Wenn man es richtig angeht, kann man sich auf aus solchen Egotrips und der Laienkritik, sehr viel für sein eigenes Wirken herausziehen. Vor allem weil sich dort einige wirklich kompetente User tummeln, die ich als semi professionell bezeichnen würde und die gerne bereit sind, ihr Wissen weiterzugeben. Aus welchen Gründen auch immer, dass spielt für mich keine Rolle.

Allerdings würde ich dann wieder zustimmen, dass in solchen Foren sehr viel um Aufmerksamkeit gebuhlt wird und wenn es keine Begrenzungen gibt, ballern die Leute die Bords mit ihren Werken voll. Ich habe das anfangs auch gemacht, allerdings weil ich ein Ventil brauchte.
Mich freut es immer sehr wenn Leute meine Sachen lesen und noch mehr wenn sie sich ernsthaft damit befassen. Aber ich würde auch so schreiben (und veröffentlichen), einfach weil ich es innerlich brauche. Ob das dann eine Person liest, zehn oder zehntausend Menschen, war damals immer zweitrangig für mich.
Heute veröffentliche ich weit weniger, dafür aber mit mehr Sorgfalt, wie ich hoffe.
Ob ich jemals die Traute habe, einen Roman zu veröffentlichen, weiß ich dagegen nicht. Denn ich habe immer Angst das es nicht gut wird.
Und ich möchte das die Leute Spaß an meinen Geschichten haben, in die Welten gesaugt werden, lachen oder Tränen vergießen. Mein Ziel sind Emotionen und meine Sorge ist, die nicht hervorzurufen. Das ist weitaus schlimmer für mich, als technische Kritik.


Ironic Maiden hat geschrieben:
Sa 23. Nov 2019, 16:04


Das kann ich völlig nachvollziehen. Ich lese eigentlich gerne Kurzgeschichten, die in Welten spielen, die ich schon kenne.
Das hat mich ja auch bei der Geschichte gelockt, die im Dark Tower Universum spielte.
In der King`schen Kurzgeschichten Sammlung ist zum Beispiel auch die Vorlage des Filmes "Die Veururteilten" den ich sehr liebe.
Deswegen habe ich mir schon immer vorgenommen, diese Geschichte zu lesen. Aber irgendwas hemmt mich, wenn ich über diese Kurzversionen nachdenke.
Bei mir liegt das in gewissem Maße aber auch an meinem Lesetempo. Nun kaufe ich mir Bücher auch nicht nach Seitenanzahl, aber ich lese nun mal schnell. Deshalb kommt es schon vor das ich mich auf ein Buch freue und dann sehe, es hat nur 300 Seiten, was mich dann eine Kosten/Nutzen Rechnung anstellen lässt.
Ich habe z.B. heute Morgen mit "Der zweite Schlaf" von Robert Harris angefangen und es dann zum Abend beendet. Das Buch hat mir ganz gut gefallen, aber wenn ich mir dann überlege, dafür 18 Euro ausgegeben zu haben...
Ich verweile halt wirklich gern in den Welten die mir gefallen und sorge mich um die Schicksale von Welten und Personen, die es nie gegeben hat.
Eigentlich liegt es mir fern Qualität anhand des Umfanges festzumachen. Aber ich kann es nicht ganz verhindern oder abstellen so zu denken.
Das macht mir die Kurzgeschichten dann noch fremder, wie ich glaube.

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